Humboldt Forum

Ein Haus für die Neugierde

Ein Wochenende lang hat das Humboldt Forum anlässlich Alexander von Humboldts 250. Geburtstag seine Pforten geöffnet. Eine Party, bei der Künstler aus Südamerika die Regie übernommen haben.

Das Humboldt Forum bleibt eine Baustelle. Nicht nur, weil das Berliner Stadtschloss zwar mittlerweile über eine schmucke Fassade verfügt, im Inneren aber noch unfertig, teils unverputzt und roh ist, sondern auch, weil die Debatte über die Denkrichtung, die hier eingeschlagen werden soll, längst noch nicht abgeschlossen ist. Wie kann das Humboldt Forum Weltoffenheit ausstrahlen? Wie lassen sich kritische postkoloniale Perspektiven auf die eigene europäische Geschichte integrieren? Diese Fragen stehen nach wie vor im Raum mit den hohen Barockfenstern.

Anlässlich eines Festakts zu Alexander von Humboldts 250. Geburtstag – der unter dem Titel „250 Jahre jung!“ in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut gefeiert wurde – hat der Großbau in Berlin-Mitte für ein Wochenende seine Türen geöffnet.

Eine Kostprobe dessen, was der Generalintendant des Forums Hartmut Dorgerloh die „Verpflichtung“ nennt, die mit dem Namen Humboldt verbunden sei: „Von Menschen aus anderen kulturellen Kontexten zu lernen und den Dingen auf den Grund zu gehen“, kritisch auf Machtstrukturen zu schauen und das Entfernte gedanklich mit dem Nahen zu verknüpfen. 

Indigene Perspektiven

Das Programm des Festaktes jedenfalls sucht offensiv den Bruch mit der eurozentrischen Perspektive. Neben Vorträgen (etwa von der Humboldt-Expertin Andrea Wulf), einer Live-Video-Diskussion zwischen Berlin, Bogotá und Nowosibirsk sowie nächtlichen DJ-Sets standen jene Arbeiten im Zentrum, die das Goethe-Institut im Rahmen seines Themenjahres „Humboldt y las Américas“ angeregt hat. Wie die von Halim Badawi kuratierte Ausstellung „Die Natur der Dinge: Humboldt, Kommen und Gehen“, die Themen wie den Raubbau an der Natur Südamerikas oder die Geschichte der Sklaverei in den Fokus nimmt.

Die Veranstaltung sollte vor allem den indigenen Sichtweisen Raum geben. Nicht nur mit einer Projektion an der Ostfassade, die den Sternenhimmel Amazoniens aus der Perspektive der dort beheimateten Forscher zeigt,sondern auch mit einer Reihe bemerkenswerter Installationen, 360°-Filmen sowie Virtual- und Augmented-Reality-Projekten, in denen sich Jahrhunderte alte Tradition und moderne Technik verbinden.

Reisen in Gedanken

„Humboldt war nicht der Entdecker des südamerikanischen Kontinents“, betont die kolumbianische Filmemacherin und Künstlerin Diana Rico. „Schließlich existierte alles schon vor ihm, es gab ein indigenes Wissen um die Natur, die er erforscht hat.“ Rico lädt mit zwei Arbeiten dazu ein, Humboldts Reisen nachzuvollziehen – allerdings aus dem Blickwinkel der Ureinwohner. In dem 360°-Film „Kají (Sacred Coca)“, den sie zusammen mit Richard Décaillet realisiert hat, taucht der Zuschauer mittels einer VR-Brille in die Lebenswelt der Jaguar-Schamanen von Yuruparí am Pira-Paraná-Fluss im kolumbianischen Vaupés ein.

Der technisch brillante Film entfaltet einen immersiven Sog, lädt ein zu elegischen Fahrten auf dem Amazonas oder führt hinein in die Hütten der Schamanen, die Gebete über das Koka-Blatt sprechen. Nach ihrem Glauben „erlauben die Koka- und die Tabakpflanze das Reisen in Gedanken“, erklärt Rico.

Virtuelle Rituale

Das zweite Werk, das sie in Berlin vorstellt, trägt den Titel „Juyeko Humboldt“. Es ist im Rahmen eines Hackathons entstanden, zu dem das Goethe-Institut im Juni 2019 rund 100 Kunstschaffende, VR-Entwicklerinnen und -Entwickler sowie Humboldt-Begeisterte in Bogotá, Lima und Mexiko-Stadt eingeladen hatte.

Im Zentrum von „Juyeko Humboldt“ steht eine Maloca: ein Haus für Zusammenkünfte indigener Gemeinden im Amazonasgebiet. Jeder Pfahl dieser Maloca „repräsentiert einen speziellen Ort“, erklärt Juan Pablo Calderon aus dem Entwicklerteam. Statt geografischen Koordinaten, wie wir sie gewohnt seien, fächerten sie jedoch eine indigene Kartografie auf: „Der Wasserfall südlich von hier, der Baum im Norden, auf dem der Jaguar lebt.“

Markierungen auf dem Boden und an den Wänden der Hütte funktionieren als Codes für Augmented-Reality-Clips, die mittels Smartphone und Kopfhörer erfahrbar werden. Sie zeigen Orte, die Humboldt besucht hat, etwa den Orinoco oder Guajira, lassen jedoch von den indigenen Menschen beschreiben. Andere Filme leiten als Tutorials zu rituellen Tänzen aus dem Gebiet an.

Alexander VR Humboldt

Bemerkenswert ist auch das Projekt „Alexander VR Humboldt“, das ein junges Entwicklerteam aus Mexiko auf die Beine gestellt hat. Wiederum mittels VR-Brille taucht man in ein interaktives Game ein – auf den Spuren Humboldts, dessen Mexiko-Reise ja von Acapulco bis nach Mexiko-Stadt führte. In der virtuellen Welt setzt man Messinstrumente zusammen, die der Forscher auf seinen Reisen mit sich führte, etwa einen Sextanten oder einen Höhenmesser. Oder kategorisiert Pflanzen, die Humboldt in Mexiko untersucht hat: die Floripondio – die Mimose.

„Humboldt war ein Abenteurer, er wollte über seinen Tellerrand schauen, das imponiert mir“, sagt der 3D-Künstler David Campuzano Gómez aus dem mexikanischen Team. „Und die Neugier auf andere Welten ist es doch auch, die uns antreibt, wenn wir Videospiele spielen.“


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