Theater

HUMBOLDT! Das Musical

Das Leben Alexander von Humboldts hat immer wieder Künstler zur Auseinandersetzung inspiriert. Besonders gelungen: ein biografisches Musical über den Forscher. Zehn Jahre nach seiner Premiere ist es zu Humboldts Geburtstag auf eine Berliner Bühne zurückgekommen.

„Mir kommen 1000 Fragen täglich in den Sinn: Wie lang gräbt man zum Erdkern und wo gewinnt man Zinn? Wo wohnen die Lemuren? Wovon ernähr’n sie sich? Und warum leiden Blätter an Läusen fürchterlich?“

 

Auf die Frage nach Humboldt bekommt man im nachgebauten Märkischen Viertel viele Antworten:  „Guter Kundenservice, das Gerät saugt wie am ersten Tag.“ Oder „die Lieblingsband meiner Tochter“? Immerhin, vom „Humboldthain“, einem Berliner Park, haben die meisten der Befragten schon einmal gehört. Doch ansonsten waltet hier in Bezug auf den berühmten Namen gefährliches Halbwissen. War der Mann Schiffsbauer oder Chefarzt? Schwer zu sagen. Irgendwas klingelt da jedenfalls.

 

Mit dieser inszenierten „Was wissen Sie über Humboldt?“-Erhebung beginnt das Musical, das der Komponist Thomas Zaufke und der Librettist Ulrich Michael Heissig für die Musikschule Reinickendorf geschrieben und auf die Bühne gebracht haben. Es setzt aufs Schönste um, was man heute Infotainment nennt und was schon Alexander selbst glänzend beherrschte: die Verbindung von Wissensvermittlung und Unterhaltung.

„Auf der einen Seite wollten wir den überzeugten Humanisten und begeisterten Förderer der Ideale der Französischen Revolution zeigen, den Alt-1848er“, beschreibt Regisseur Heissig seine Motivation hinter dem Projekt. „Und auf der anderen den neugierigen Forscher und Entdecker“, den „letzten Generalisten, der versucht hat, alles zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“

 

Das Stück ist bereits vor zehn Jahren anlässlich des Berliner Wissenschaftsjahres entstanden und seitdem jährlich, immer mal wieder behutsam aktualisiert, aufgeführt worden. Das zehnjährige Jubiläum der Produktion fiel nun  mit dem 250. Geburtstag Alexander von Humboldts zusammen, weswegen die Musikschule Reinickendorf HUMBOLDT! erneut im Fontane-Haus im Märkischen Viertel angesetzt hat. Nicht weit entfernt vom Schloss Tegel also, wo die Humboldt-Brüder aufgewachsen sind – und wo Heissig und Zaufke noch mit dem Ur-ur-ur-Enkel Wilhelms, dem mittlerweile verstorbenen Rechtsanwalt Ulrich von Heinz, auf einen Kaffee zusammen saßen, um sich für ihr Musical inspirieren zu lassen.

 

„Und los ging die Reise, auf ne andere Art und Weise, ohne Auto, ohne Zug, ohne Jetlag nach dem Flug, ohne Navi, GPS, ohne Urlaubsstau und Stress, und wir fragen uns verwundert: wie war das um Achtzehnhundert?“

 

HUMBOLDT! beschreibt – mit beachtlich großem Musikschul-Ensemble aus Solisten, Junior Tanzensemble, „kleinen Tanzmäusen“ und Kinderchor – eine biografische Stationen- und Heldenreise von Tegel über Paris und Südamerika bis nach Russland. Was die Musik betrifft, stand Thomas Zaufke (wie schon im Falle seiner früheren Musicals über Che Guevara oder die Brontë-Schwestern) vor der Frage: „Schreibe ich im Stil der Zeit?“ Er entschied sich dagegen.

Bisweilen, wenn etwa die Mutter der Humboldt-Brüder singt, lässt der Komponist zwar ein höfisches Cembalo anklingen. Doch zum Beispiel der große „Curare“-Song – in der Szene, die Humboldt unter den Indigenen in den Anden zeigt – ist eine Hommage an Yma Sumac, jene in den 1950er Jahren berühmt gewordene, peruanische Sängern mit der erstaunlichen 5-Oktaven-Stimme. Die schmissige Eröffnungsnummer („Das ist ein Musical und nicht ein Wissenschaftsbericht…“) atmet wiederum puren Broadway-Geist.

„Ein Sammelsurium aus Stilen“ nennt Zaufke selbst HUMBOLDT! – schillernd also wie die Persönlichkeit des Protagonisten.

 

„Ich will der Erde auf den Grund gehen und alle Sternenbilder sehen, jedes Tier und jede Pflanze will ich finden, untersuchen und verstehen“

 

Dem Librettisten Ulrich Heissig war es wichtig, sowohl die Zuschauer als auch die jungen Beteiligten neugierig zu machen auf das Leben Alexander von Humboldts. Er selbst hat sich dafür tief in die Humboldt-Literatur gekniet. Man merkt das den Szenen an, etwa dem Curare-Bericht, der als kostümprächtiges Bühnen-Tableau auflebt – im bolivianischen Örtchen Esmeralda wurde Humboldt ja Zeuge der „Fiesta de la Juvias“, des Festes der Früchte, aus denen dieses Gift gewonnen wird. Der Forscher und sein Begleiter Aimé Bonpland trafen nicht hier nur den „Chemiker des Ortes“  - sondern kosteten auch kleine Mengen der Substanz. „Angenehm bitter“, notierte Humboldt.

 

Andere biografische Details klingen eher subtil an. Etwa Humboldts mutmaßliche Homosexualität, ob ausgelebt oder nicht, die Bruder Wilhelm eher abschätzig eine Neigung zu „Mannespersonenbekanntschaften“ nannte.

Bisweilen schlagen sich Heissigs Kenntnisse auch nur in einer einzigen Liedzeile nieder. Etwa, wenn es um Humboldts bisweilen bizarre Experimentierlust geht. In Jena fand bekanntlich 1794 (vor den Augen Goethes und Schillers) Alexanders wissenschaftlicher Versuch statt, totes Gewebe durch Strom zum Zucken zu bringen. Wohl mit einer Thüringischen Erdkröte als Objekt.

Im „Bruderherz-Duett“ des HUMBOLDT!-Musicals singt der Forscher nun entsprechend: „Die Krötenschenkelkontraktion durch Strom war mir geglückt!“

Auch über Humboldt lernt man nie aus…

 

„Wer braucht schon die Ozeane der die Havel hat gesehen? Waidmannslust und Jungfernheide – wo ist’s auf der Welt so schön?“

 

Falls es noch des Beweises bedurfte, dass der Mann aus Tegel das Zeug zum Bühnenhelden hat – Alexander Superstar! –,dann liefert ihn dieses Musical. Und es bleibt nicht das einzige seiner Art. Auf der anderen Seite der Welt, am „Colegio Peruano Aléman Alexander von Humboldt“, einer deutschen Schule in Lima, entsteht im Jubiläumsjahr das Musical „Todo un sueño“ (ein Traum), das Humboldt und Bonplands Südamerika-Reise nachvollzieht. 

 

Niemand jedenfalls hat so eindrücklich wie Alexander von Humboldt jene Goethe-Verse widerlegt, die Thomas Zaufke und Ulrich Heissig auch in ihrer „Reinickendorf-Hymne“ anklingen lassen: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“


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