Diskussion

„Humboldt würde sich einmischen – und wie?!“

An der Humboldt-Universität zu Berlin fand eine Festwoche zu Ehren des Namenspatrons statt. „Humboldt würde sich einmischen – und wie!?“ – diese Frage stellten sich Anita Engels, Rahel Jaeggi, Cem Özdemir, Erck Rickmers, und Nora Milena bei einer Diskussion über Herausforderungen für die Welt – und die Rolle der Wissenschaft.

Vielleicht würde Alexander von Humboldt heute twittern. „Gegen Klimawandel-Skeptiker, die Vertreter von Fake news und gegen Populisten.“ Möglicherweise würde er sogar in den Social-Media-Nahkampf mit Donald Trump höchstpersönlich gehen. So hat es unlängst Hans-Christian Pape gemutmaßt, der Präsident der Humboldt-Stiftung. Der Forscher und Kosmopolit als scientist for future?

Natürlich bleibt es Spekulation, sich über das heutige Verhalten verstorbener Geistesgrößen Gedanken zu machen. Aber in Humboldts Fall liegt es  nahe, weil seine Schriften so aktuell erscheinen. Und weil einer mit seiner Weitsicht und Popularität heute schmerzlich vermisst wird.

 

Davon kündete auch die Diskussionsveranstaltung „Humboldt würde sich einmischen – und wie?!“, die im Rahmen der Festwoche der Humboldt-Universität nach dem „Zusammenhang von Wissenschaft und Politik heute“ suchte. Die im Titel angelegte Frage nach dem etwaigen Engagement Humboldts in Zeiten von Klimakrise und Nationalismus beantwortete sich vor allem für den Grünen-Politiker Cem Özdemir recht schnell: „Humboldt würde sich bemühen, eben nicht elitär, im Elfenbeinturm, breite Teile der Gesellschaft mitzunehmen. Auch Menschen, die seine Überzeugungen nicht schon teilen.“

 

Neben Özdemir nahmen an dem Panel die Soziologin und Klimaforscherin Anita Engels, die Philosophin und Leiterin des Center for Humanities and Social Change Rahel Jaeggi, die Aktivistin und Studentin Nora Milena Vehling sowie der Unternehmer und Philanthrop Erck Rickmers teil. Sie sollten vor allem ergründen, wie Wissenschaft und Politik fruchtbarer miteinander arbeiten können. Oder, so regte es Rickmers an, wie ein Austausch zwischen Akteuren vieler Felder gelingen könnte, der „gesellschaftliche Diversität abbildet“ – schließlich neige die Wissenschaft gelegentlich zu inzestuösen Diskursen. Definitiv ein Rückschritt gegenüber Humboldts Zeiten, als die Kosmos-Vorlesungen ihren Massen-Appeal entfalteten.

„Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem.“ So formulierte Cem Özdemir das Dilemma der Gegenwart. Es mangele ja nicht an validen Erhebungen zur Klimakrise, nicht an weltweiten Berichten über die verheerenden Brände im brasilianischen Regenwald, nicht an Versuchen, den allerorts erstarkenden Rechtsnationalismus zu erklären. Die Herausforderung bleibe bloß, daraus Taten abzuleiten.

 

Das Problem sei, gab Philosophin Jaeggi die Denkrichtung vor, dass die Probleme zu wenig im Zusammenhang betrachtet würden. Die Klimakrise etwa könne nicht losgelöst von der sozialen Frage diskutiert werden: „Wir sitzen nicht alle in einem Boot, es gibt ein Ober- und ein Unterdeck“ – Gruppen der Gesellschaft also, die von politischen Maßnahmen gegen die Umweltzerstörung ökonomisch härter getroffen würden als andere. Die größeren Kontexte und Verknüpfungen zu erkennen – das war zweifellos ein Gedanke Humboldts, der 1803 den berühmten Satz notierte: „Alles ist Wechselwirkung“.

 

„Humboldt hat erkannt, dass die Geschehnisse in Südamerika eine Bedeutung für Europa haben“, schließt die Aktivistin Vehling an, die sich unter anderem bei der Initiative Fashion Revolution engagiert, die für ökologisch und ökonomisch nachhaltige Produktionsbedingungen in der Textilindustrie kämpft. Eine Branche, die wie kaum eine andere von den Schattenseiten der Globalisierung erzählt. In der Diskussion mit dem Publikum führt ein Zuhörer an, Indien sei für 20 Prozent, China gar für 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich, Europa lediglich für sieben Prozent: „Humboldt hätte diese Zahlen zitiert.“

 

Vehling hält dagegen, dass etwa in Bangladesch 80 Prozent der Waren im ausländischen Auftrag produziert werden. Entsprechend seien die damit verbundenen Ausstöße wohl kaum nur ein lokales Problem. Den Universalisten und Internationalisten Humboldt weiß sie dabei an ihrer Seite. Klar, zu den zerstörerischen Wirkungen des Treibhausgases hat der Wissenschaftler in seiner Epoche noch nicht geforscht. Das kam erst später, 1896, als der schwedische Physiker und Chemiker Svante Arrhenius die Folgen der CO2-Anreicherung in der Atmosphäre untersuchte. Aber nicht weniger vorausschauend war, was Humboldt in Venezuela in einer Klimastudie zur Fällung der Bäume am Valencia-See bilanzierte: „Menschenunfug, der die Naturordnung stört.“

 

Braucht es wieder jemanden wie ihn, der „als Einzelner für ein Thema einsteht“? Diese Frage wird im Fritz-Reuter-Saal der Humboldt-Universität in die Runde gespielt. Die Soziologin Engels wendet ein, es gebe doch viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die durchaus präsent in der Öffentlichkeit seien. Nur fehlten „Strukturen, die einen systematischen Austausch“ zwischen Wissenschaft und Politik erzwingen würden. Humboldt, seinerzeit politischer Berater mit kurzem Draht zum preußischen Staatsapparat, hätte ihr da vermutlich nicht widersprochen.

 

Was der Unternehmer Erck Rickmers auf den Punkt bringt, ist als Bilanz konsensfähig: „Alexander von Humboldt würde sich einmischen. Wissenschaftler müssen sich einmischen.“


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