Humboldtspiele

„Sie müssen sich das wie Olympia vorstellen“

Einige Deutsche Auslandsschulen der Andenländer machen sich alle zwei Jahre auf die Suche nach dem „Campéon“ der Humboldtspiele. In drei Disziplinen treten Teams von bis zu 14 Bildungseinrichtungen gegeneinander an und kämpfen um Medaillen. Die 20. Juegos Humboldt wurden von der Deutschen Schule „Federico Fröbel“ im bolivianischen Cochabamba ausgerichtet.

Als Alexander von Humboldt 1803 in Guayaquil an Land ging, fand er eine pulsierende kleine Stadt vor: ein Wirtschaftszentrum an der Pazifikküste, berühmt für seine Werften und die Heerscharen von Händlern in den Straßen. Humboldt schrieb dort nicht nur seine Geographie der Pflanzen, sondern füllte auch Tagebuchseite um Seite mit langen Klagen über die quälende Allgegenwart der Moskitos.

Damals hatte Guayaquil gerade 12.000 Einwohner, mittlerweile sind es mehr als drei Millionen. Der Pazifikhafen ist die größte Stadt Ecuadors.

Die deutsche Schule dort ist nach Humboldt benannt und hat 1981 eine Tradition ins Leben gerufen: Sie hat die ersten Humboldtspiele ausgerichtet. Einen einwöchigen Wettkampf zwischen den deutschen Schulen der Andenländer Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien, früher außerdem Chile, dessen deutsche Schulen mittlerweile einen eigenen Wettbewerb ausrichten, sowie Venezuela. Wegen der politischen Lage ist das Land temporär aus dem Wettbewerb ausgestiegen.

Alle zwei Jahre treten an wechselnden Orten sechzehnköpfige Teams gegeneinander an und kämpfen um Medaillen. Schwimmen, Leichtathletik und Volleyball, das sind die Disziplinen. Monatelang bereiten sich die Schülerinnen und Schüler vor. Die Wettkämpfe sind ein absoluter Höhepunkt in ihren Schullaufbahnen.Aber warum eigentlich „Humboldtspiele“? „Vielleicht liegt es einfach am Namen der deutschen Schule in Guayaquil“, überlegt Eberhard Heinzel, Leiter der Deutschen Schule Lima – und denkt daran, dass Humboldt oft als großer Netzwerker bezeichnet worden ist.

Goldmedaillen und eine Olympische Flamme

Denn das tun die Humboldtspiele: Sie vernetzen, verknüpfen und integrieren. In nunmehr fast 40 Jahren sind sie größer geworden, professioneller, und dank Sponsorengeldern auch aufwendiger. „Bis zu 14 Schulen nehmen teil, und es könnten noch mehr sein“, sagt Heinzel. Andererseits ist die Atmosphäre immer noch sehr persönlich und vertraut: Die Teams kommen bei Familien am Austragungsort unter, nicht in Hotels.

Dem Wettkampfgeist schadet das nicht. „Sie müssen sich das wie Olympia vorstellen“, erklärt Heinzel. „Wir vergeben Goldmedaillen – und haben sogar eine Olympische Flamme“. Wenn Limas Mannschaft mit wehenden Fahnen bei der Eröffnung aufmarschiert, gilt sie häufig als Mitfavorit. Anderen Teams sollen die Athleten schon Alpträume verursacht haben. Acht Humboldtspiele haben sie als unangefochtene Sieger verlassen.

In diesem Jahr mussten sie sich allerdings geschlagen geben. Zu stark war die Konkurrenz aus Quito. Die Athleten aus der Hauptstadt Ecuadors haben 120 von 120 möglichen Punkten geholt. Ein Sieg auf ganzer Linie, „das gab es erst zweimal.“ Heinzel zollt Respekt.

Tanz ist die heimliche vierte Disziplin

Auch das Rahmenprogramm greift olympische Traditionen auf: nationale Eigenheiten. Neben Konzerten und einer ausgelassenen Eröffnungsfeier gehört nämlich auch die Folklore fest zu den Humboldtspielen. „Die Schüler müssen typische Tänze aus ihren Ländern präsentieren“, erklärt Heinzel. Der kleine Kulturabend ist nicht nur jedes Mal völlig ausverkauft, sondern kann auch wettkampfentscheidend sein. Nichtteilnahme bedeutet Punktabzug. Der Tanz ist die heimliche vierte Disziplin.

Austragungsort der Humboldtspiele 2019 war Cochabamba in Bolivien. „Sonst sind wir in Metropolen gegangen, diesmal in eine kleinere Stadt“, erzählt Heinzel. In der Tat ist Cochabamba mit 630.000 Einwohnern deutlich kleiner als bisherige Austragungsorte wie Lima, Bogotá, Santa Cruz, Quito oder Medellin.

Alexander von Humboldt ist in Cochabamba nicht so präsent wie an vielen anderen Orten Südamerikas. Dafür lebte dort ein anderer Forscher aus Europa: Thaddäus Haenke hat die Atacama-Wüste bereist, Seerosen und Kupferminen erforscht, Apotheken gegründet und Impfstoffe entwickelt. 1816 kam er in Cochabamba unter ungeklärten Umständen ums Leben. Ihn begleitete der Ruf, der „österreichische Humboldt“ zu sein.

Am 26. Mai gingen die diesjährigen Humboldtspiele in Cochabamba zu Ende. Die Athleten bereiten sich bereits auf die nächste Ausgabe vor: 2021 soll der Wettkampf in Bogotá stattfinden. Nach dem Humboldtjahr ein weiteres Jubiläum: 40 Jahre Humboldtspiele.


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