Interview

„Humboldt hatte eine Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst“

Forscher, Globetrotter, Netzwerker und Entdecker – Alexander von Humboldt war ein echter High Performer. Doch wer war der Privatmensch Alexander? Ein Gespräch mit der Journalistin und Autorin Dorothee Nolte über das Leben und Lieben eines ewigen Genies.

Dorothee Nolte, in Ihrem neuen Buch „Alexander von Humboldt – Ein Lebensbild in Anekdoten“ setzen Sie eine Forscher-Biografie aus lauter Miniaturen zusammen. Weshalb diese Form?
DOROTHEE NOLTE: Ich bin keine Wissenschaftlerin und deshalb in der Recherche anders vorgegangen, als es ein Wissenschaftler tun würde. Ich habe nach lustigen Zitaten, amüsanten Begebenheiten geforscht und sie herausgepickt wie ein Perlenfischer. Über Alexander gibt es ja eine Vielzahl von Publikationen und Biographien. Aber mein Blick hatte diesen speziellen Fokus: Wo ist das gut Erzählbare, Unterhaltende, das Humboldts dringlichste Anliegen spiegelt – nur eben in verknappter Form?

Auf welche Quellen konnten Sie neben Briefen und Biographien zugreifen?
An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gibt es eine Forschungsstelle zu Humboldt, deren ehemaliger Leiter Ingo Schwarz mich sehr unterstützt hat. Unter anderem, indem er mich auf den Band „Gespräche Alexander von Humboldts“ hingewiesen hat, der heute gar nicht mehr aufgelegt wird. In dem Buch ist eine Vielzahl an Zeitzeugen-Zitaten und Aussprüchen Humboldts gesammelt – eine Fundgrube.

Zeitzeugen äußern sich nicht nur positiv über Alexander von Humboldt. Muss man ihn sich als gefürchteten Lästerer vorstellen?
So wird es zumindest berichtet. Es gibt ja den berühmten Ausspruch, dass mancher eine Abendgesellschaft nicht verließ, bevor nicht auch Humboldt gegangen war. Denn über Abwesende zog er angeblich gern her. Ich finde diese kleine charakterliche Schwäche allerdings verzeihlich, weil er auch über sich selbst lachen konnte.

Wie nah kommt man ihm privat? Beispiel Liebe. Hier heißt es ja, er habe homosexuelle Neigungen gehabt. Ob er sie auch ausgelebt hat, bleibt jedoch im Dunkeln. Liebschaften zu Frauen hatte er jedenfalls nicht, oder?
Es gibt die hübsche Anekdote eines Fräuleins von R., die sich ihm annähern wollte, nicht zuletzt, weil er wohl auch ein attraktiver Mann war. Sie hat mit ihm den Austausch über seine Messinstrumente gesucht, ein gutes Thema für Humboldt (lacht), wollte aber irgendwann doch wissen, ob er denn niemals geliebt habe? Woraufhin er entgegnet haben soll: Doch, aber nur die Wissenschaft.

Zu Alexander gehört natürlich das Bild des furchtlosen Abenteurers: nie seekrank, immer der Erste auf dem Vulkan. Hat er damit auch Publicity in eigener Sache betrieben?
Seine Neugierde, sein Wissensdrang waren wirklich außergewöhnlich. Humboldt hatte eine Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, die teilweise an Manie grenzte. Er schreckte ja auch vor Selbstversuchen nicht zurück. In seiner Zeit als Bergbau-Ingenieur zum Beispiel hat er eine Lampe entwickelt, die auch in sauerstoffarmer Umgebung funktionieren sollte – um die zu testen, hat er die eigene Ohnmacht in Kauf genommen.

Muss man ihn sich als Popstar seiner Zeit vorstellen? Seine Vorlesungen fanden in Sälen für tausend Zuhörer statt, er bekam jährlich eine Unmenge an Briefen…
Unbedingt. Und er war ein begnadeter Netzwerker, das kam hinzu. Würde man Alexander in unsere Zeit versetzen, er hätte keine Schwierigkeiten, sich zu akklimatisieren, davon bin ich überzeugt. Nicht zuletzt die modernen Medien würde er sich zunutze machen.

Welches Verhältnis hatte er zum eigenen Ruhm?
Er wusste seine Popularität zu ironisieren. Ein Prinz fragte ihn mal, was er von Beruf sei. Und Humboldt entgegnete: Kammerherr des Königs. Woraufhin der Prinz nur die Nase rümpfte: Weiter nichts? Für Humboldt war das aber keine Kränkung, sondern Beleg für die Intelligenz seines Gegenübers. Kammerherr sei ja wirklich nichts Besonderes. Er hatte eine gesunde Distanz zu „unnötigem Glanz“.

Humboldt war als Liberaler seiner Zeit voraus. Wie sehr ist er damit angeeckt?
Dazu gibt es wiederum das interessante Zitat eines Zeitgenossen, der über Humboldt spottete: „Immer Republikaner, immer im Vorzimmer des Palastes“. Er verstand es durchaus, sich geschmeidig zu bewegen. Trotzdem hat er sich bei den Rechten, die den König umgaben, unbeliebt gemacht. Diesem „reaktionären Gewölk“, wie Humboldt es nannte, galt er als „trikolorer Lappen“.

Auf Berlin, diese „moralische Sandwüste“, hat er sein Leben lang geschimpft. Erst im hohen Alter wurde der Blick milder. Eine glaubhafte Wandlung?
Berlin war natürlich nicht so weltläufig wie Paris. Aber Humboldt hatte hier die Familie seines Bruders, er war beliebt beim Volk und wurde zum Ehrenbürger erklärt. Ich denke, insgesamt hat er sich tatsächlich mit der Stadt arrangiert. Dennoch, Phänomene wie den herrschenden Antisemitismus hat er zutiefst abgelehnt. Und die Natur erschien ihm sehr langweilig. Seine geliebte tropische Vegetation fand er in nur in einem Palmenhaus auf der Pfaueninsel.

Bismarck hat Alexander von Humboldt als gnadenlosen Schwätzer beschrieben. Wie sympathisch ist er Ihnen unterm Strich geworden?
Bismarck war auch ein großer Lästerer, die beiden nahmen sich nichts! Allerdings hat sich bisweilen selbst Wilhelm über das Monologisieren seines Bruders beklagt. Und ich bin auch eher eine Freundin des Dialogs. Andererseits kann man Menschen, die so viel wissen, so viel gereist sind, so viel geforscht und geschrieben haben, auch mögen, wenn sie den einen oder anderen Fehler haben.


Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Dorothee Nolte ist Redakteurin im Bereich „Politik und Konzepte“ des Berliner „Tagesspiegel“.

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