Interview

Humboldt’s Groove

Alexander von Humboldt als Inspiration für Hip-Hop-Musik, geht das? Aber klar: „Humboldt’s Groove“ heißt der Track vom kubanischen Rapper El Temba und dem Kölner MC Retrogott, bürgerlich Kurt Tallert. Dieser ist für seine sozialkritischen Texte bekannt – in Humboldts Gedankenwelt hat er vor allem politische Anknüpfungspunkte entdeckt.

Alexander von Humboldt scheint nicht gerade ein naheliegendes Thema für einen Rapper zu sein. Was ist die Geschichte hinter Ihrem Song „Humboldt’s Groove“?
RETROGOTT: Vielleicht nicht naheliegend, aber ich lasse mich grundsätzlich gern von geisteswissenschaftlichen oder geschichtlichen Themen inspirieren. „Humboldt’s Groove“ geht konkret auf einen Anstoß des Goethe-Instituts zurück, das mich zu dem Hip-Hop- Festival Potaje Urbano auf Kuba eingeladen hat. Dort kam die Idee auf, einen Song über Alexander von Humboldt zu machen. Also habe ich angefangen, mich mit ihm zu beschäftigen, über ihn zu lesen – und fand in seiner Zivilisationskritik und seinem Blick auf die Gesellschaft viele Berührungspunkte mit den Aussagen meiner eigenen Texte.

Humboldt's Groove – Retrogott feat. El Temba

Kamera (Deutschland): Philipp Wohlleben
Kamera (Kuba): Andros Barroso
Regie: Joe Wentrup

Welches Wissen über Alexander von Humboldt hatten Sie vorher?
Natürlich kannte ich ihn auf einem oberflächlichen Allgemeinbildungs-Niveau. Aber mir war durch mein Germanistik-Studium eher Wilhelm von Humboldt ein Begriff. Wobei es ja interessante Parallelen zwischen den Brüdern gibt. So wie Wilhelm an den jeweiligen Besonderheiten verschiedener Sprachen interessiert war, stellte Alexander Vergleiche zwischen der Natur in Südamerika, Europa und Russland an. Beide waren dabei aber immer auf der Suche nach übergeordneten Zusammenhängen und haben die Welt als gleichberechtigtes Ganzes angesehen – statt das Abendland als Wiege der Zivilisation zu verklären. Das hat mir imponiert.


Inwiefern?
Mit seiner kritischen Distanz zum kolonialistischen, eurozentristischen Denken fiel er aus der eigenen Zeit. Auch mit seinem antinationalistischen Ansatz und seiner gewissen Verachtung gegenüber Aristokratie. Alexander von Humboldt ist jemand, mit dem man leicht Sympathie haben kann aus heutiger Sicht.
 

Teilt Ihr kubanischer Kollege El Temba, mit dem zusammen Sie den Song aufgenommen haben, diese Perspektive?
Es geht in dem Song ja auch darum, dass Humboldt sich als Pionier für die Unabhängigkeit Südamerikas und gegen die Sklaverei ausgesprochen hat, das war natürlich ein großer gemeinsamer Nenner der Sympathie. Humboldt hat aber auch sehr früh schon die negativen Einflüsse des Menschen auf die Umwelt kritisiert und machte seine ersten Beobachtungen dazu auf Kuba. Damit führte er bereits Umweltschutz und Kritik an Wirtschaftsformen zusammen. Ich denke, auf Kuba hat man dafür ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein.
Tembas Strophe ist ja sozusagen eine freie Übertragung meiner Strophe ins Spanische. Wir sind also in einen musikalischen Dialog über Humboldts Gedanken getreten.

War Humboldt ein früher Linker?
Aus heutiger Sicht steht er weit links. Humboldt würde mit seinen Ansichten in den gegenwärtigen Vereinigten Staaten wahrscheinlich als Terrorist gehandelt! (lacht).
 

Und vermutlich wäre er in den Reihen der Umweltaktivisten zu finden...
Ja, als scientist for future! Trotzdem war es mir wichtig, nicht mit dem idealisierten Bild eines Helden nach Kuba zu fahren, nach dem Motto: schaut mal, was für einen genialen Wissenschaftler unsere Gefilde hervorgebracht haben. Humboldt war ja ein Kritiker seiner Herkunft und der Privilegien, die er hatte. Nichtsdestotrotz war er für seine Forschungsreisen zum Beispiel auf die spanische Krone angewiesen, diese Ambivalenzen hat er klar gesehen.

Sie rappen unter anderem: „Als Humboldt in den Anden stand, hat er vor 200 Jahren bereits erkannt, dass Monokulti scheitert.“ Ist es frustrierend, dass sich diese Erkenntnis bis heute nicht durchgesetzt hat?
Auf jeden Fall. Ich glaube, schon für Humboldt war es frustrierend, auf taube Ohren zu stoßen. Im wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit galten ja viele seiner Ansichten als übertrieben. Gegenwärtig nehmen Nationalismus und bestimmte Kultur-Romantizismen wieder zu, die in Ressentiment umschlagen, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Mit „Monokulti“ beziehe ich mich sowohl auf die Ökologie als auch das Soziale. Erwiesenermaßen existieren in beiden Feldern nur Mischungen.


Eine andere Zeile lautet: „Humboldts größte Endeckung: Was zu unserem Gemüte spricht, entzieht sich der Messung.“ Was bedeutet dieser Satz für Sie?
Das ist ein Zitat aus Humboldts Tagebüchern, das für mich den Aufhänger für den Song bedeutete. Es stammt aus der Humboldt-Biografie von Andrea Wulf. In seiner Faszination für die Natur hat Humboldt den Satz im südamerikanischen Regenwald notiert, als er den Sternenhimmel bewunderte. Dass Humboldt als Wissenschaftler überhaupt ein Bewusstsein für die Grenze der Erkenntnis hat und diese Ebene des Gemüts zulässt, unterwandert ja den positivistischen wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit.
 

Vielleicht lag das an seiner Freundschaft zu Goethe?
Ganz bestimmt, Goethe war ja auch gleichermaßen an wissenschaftlichen wie ästhetischen Fragen interessiert. Jedenfalls ist es ja schon ironisch, dass jemand, der durch seine Messungen und Erhebungen bekannt geworden ist, selbst einräumt, das Eigentliche sei empirisch gar nicht feststellbar. Hier schleicht sich die Metaphysik ein und öffnet der Kunst die Tür, das fand ich schön.

Liegt genau darin auch der Humboldt’sche Groove, der Ihrem Song den Titel gibt?
Ja, hier wird das Bewusstsein dafür deutlich, dass es neben kühler Berechnung noch andere Wege der Erkenntnis gibt, dass es eine ästhetische Komponente auch in der Wissenschaft gibt. Humboldt war jemand, der nicht nur an den Fortschritt glaubte, sondern auch vor den Folgen gewarnt hat. Er hatte das Ganze im Blick, war sich aber bewusst, es eben nicht in Gänze erfassen zu können. Diese Demut hat mir imponiert. Darin liegt für mich der Groove.


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