Interview

Ein Skarabäus namens Humboldt

Bert Kohlmann ist Biologe, Professor an der EARTH University in Costa Rica und gefragter Käferspezialist. Im Interview spricht er über die neu entdeckten Arten Onthophagus humboldti und Uroxys bonplandi, Humboldts Relevanz und die Popularität der Wissenschaften.

Herr Prof. Kohlmann, Sie haben in Costa Rica zwei neue Skarabäen-Arten entdeckt und sie nach Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland benannt – was ist das Besondere an Onthophagus humboldti und Uroxys bonplandi?
Beide Arten sind endemisch. Das heißt, sie leben in sehr begrenzten Gebieten in den Bergen Costa Ricas. Darüber hinaus ist Onthophagus humboldti die extrem brachypterische Art dieser Gattung – ihre Flügel sind also verkürzt und sie haben daher die Flugfähigkeit verloren.

 

Sie haben mal gesagt: „Ich sehe einem Käfer sofort an, ob er neu ist.“ Wie funktioniert Ihr geschulter Blick – und wo haben Sie die beiden Skarabaeoidea entdeckt?
Das ist ganz einfach eine Frage der Zeit und der Erfahrung. Wenn man so viele Jahre auf einem Fachgebiet gearbeitet hat, lernt man alle Arten kennen – und neue fallen einem sofort auf. Die beiden neuen Arten wurden auf Expeditionen in Urwäldern der Berge Costa Ricas gesammelt, mit speziell dafür entwickelten Fallen.

 

Als international renommierter Biologe sind Sie in vielen Forschungsfeldern tätig, mit der NASA haben Sie zum Beispiel an der seltenen Chagas-Krankheit geforscht. Warum zieht es Sie immer wieder zum Käfer, worin liegt die Faszination?
Schon als kleiner Junge fühlte ich mich von Käfern besonders angelockt. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, fuhr ich mit meiner Familie zum Tequesquitengo-See in Morelos, Mexiko. Dort sammelte ich einen Käfer, von dem ich erst später wusste, dass es der Phanaeus daphnis war. Für die Schönheit und den Glanz dieses Insekts empfand ich so große Bewunderung, dass ich mich wohl in dem Moment entschied, Forscher zu werden.

Auch Alexander von Humboldt war als Kind ein leidenschaftlicher Sammler von Käfern, Steinen und Pflanzen. Fühlen Sie sich ihm verbunden?
Meine Beziehung zu Humboldt reicht weit zurück und ist tatsächlich sehr eng. Erstmals bin ich mit ihm in Kontakt gekommen, als ich in Mexiko-Stadt eine Schule besucht habe, die seinen Namen trug. Später war ich im Rahmen meines Masterstudiums an der Humboldt-Universität zu Berlin, schließlich bin ich auch Alumnus der Humboldt-Stiftung. Und ja, ich fühle wie er eine große Anziehung, vor allem aber eine große Bewunderung und Liebe zur Natur.

 

„Humboldt sagte, um die Natur zu studieren, müsse man sie fühlen.“

 

Erst kürzlich ist in Iran eine seltene Pflanzenart neu nach Humboldt benannt worden, der Tamarisken-Strauch Tamarix humboldtiana. Weshalb ist der deutsche Forscher so beliebt als Namensstifter? Man könnte Käfer und Pflanzen ja auch nach der Ehefrau oder dem Lieblingsmusiker benennen …
Ich denke, das liegt vor allem daran, dass Humboldt eine so großartige Inspiration ist. Ihm eine Art zu widmen bedeutet, sich seiner Person näher zu fühlen.

Worin besteht diese Inspiration?
Humboldt sagte, um die Natur zu studieren, müsse man sie fühlen. Ich betrachte diesen Kommentar als die philosophische Grundlage für jede wissenschaftliche Studie. Man könnte sagen, das stellt den Rahmen dessen dar, was der Philosoph der Wissenschaft, Imre Lakatos, ein Forschungsprogramm nannte. Mit anderen Worten: eine universelle Haltung.

 

Was macht Humboldts Relevanz heute für Sie aus?
An Humboldt wird ja auch Kritik geübt, zum Beispiel, dass er im Gegensatz zu Darwin keine Gesetze vorgeschlagen habe. Oder dass er wissenschaftsromantisch sei. Beides kann ich nicht nachvollziehen. Humboldts Denken war immer ganzheitlich, holistisch, einem Ökologen näher als dem „modernen“, spezialisierten Wissenschaftlertypus. Der Kommentar, den er 1803 während einer Reise durch das Mexiko-Tal schrieb – „Alles ist Wechselwirkung“ – ist für mich einer der größten Beiträge zur Wissenschaft. In einer späteren Schrift von 1814 notierte Humboldt einen weiteren prägnanten, geradezu prophetischen Satz: „Es gibt für die Wissenschaft keine kleinen Forschungsgegenstände oder Fragen.“

 

In San José, wo Sie als Forschungsdirektor und Professor an der EARTH University tätig sind, gibt es die deutsche Schule Colegio Humboldt. Welche Spuren hat Humboldt davon abgesehen in Costa Rica hinterlassen?Spielt er im Alltag eine Rolle?
Humboldt hat Costa Rica zwar nie besucht, aber durchaus seine Spuren hinterlassen. Im Kosmos erwähnt er mehrere Berge Costa Ricas, wie den Cerro Chirripó, Cerro Kamuk und Orosí. 1854 erschienen die Naturforscher Hoffmann und von Frantzius mit einem Empfehlungsschreiben von Humboldt vor dem damaligen Präsidenten von Costa Rica, Juan Rafael Mora Porras. Beide Reisenden waren ein Schlüssel zur Entwicklung der Naturwissenschaften in diesem Land. Sie haben maßgeblich zur Entwicklung der Medizin, Biologie, Anthropologie und sogar der Vulkanologie beigetragen.

 

„Popularität war für mich immer eine Frage von unbefriedigten Eitelkeiten.“

 

Inwiefern?
Der Forscher Hoffmann hat insgesamt 38 Pflanzen- und Tierarten seinen Namen gegeben, darunter einem Specht (Melanerpes hoffmannii) und dem Zweifingerfaultierbär (Choloepus hoffmannii). Darüber hinaus hat er die Vulkane Barva, Irazú und Turrialba untersucht. Letzteren bezeichnete er 1855 als „den ständig dampfenden Turrialba-Vulkan“. Auf der anderen Seite arbeitete Alexander von Frantzius bei seiner Ankunft in Costa Rica mehr als Arzt, er wusste über Zahnheilkunde Bescheid. Bei einer Gelegenheit brachte man ihm eine Flasche mit einem ganz bestimmten Wasser, eine Probe aus der Laguna Caliente des Vulkans Poás. Mit diesem besonders säurehaltigen Wasser lösten einige Leute ihre von Karies befallenen Zähne auf, angeblich mit weniger Schmerzen.

 

Ihrer eigenen Forschung ist in Costa Rica sogar eine Briefmarke gewidmet. Generell aber wird oft die mangelnde Resonanz der Wissenschaft im gesellschaftlichen und politischen Feld beklagt. Wünschen Sie sich manchmal eine Popularität des Akademischen wie zu Humboldts Zeiten?
Popularität war für mich immer eine Frage von unbefriedigten Eitelkeiten. Es ist wahr, dass es vernünftig und zweckmäßig wäre, wenn die Wissenschaften in verschiedenen Bereichen des Lebens ernster genommen würden. Dies würde viel zur Lösung der Probleme beitragen. Gott sei Dank, Costa Rica ist ein beispielhaftes Land, in dem die Themen Wissenschaft und Natur immer sehr aktuell sind und viel Respekt und Akzeptanz genießen.

Bert Kohlmann ist Professor an der EARTH University (Escuela de Agricultura de la Región Tropical Húmeda) in Costa Rica. Zudem leitet er dort das Zentrum für Erforschung und Entwicklung erneuerbarer Energien.


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