Kosmos-Vorlesung

Wo ist der Schutzraum der Menschheit?

Im Winter 1827/28 hielt Alexander von Humboldt in Berlin seine berühmten Kosmos-Vorlesungen. Im Jubiläumsjahr legt die Berliner Humboldt-Universität das Konzept neu auf. In der Reihe kommen wegweisende Wissenschaftler zu Wort. Zum Auftakt sprachen Bundespräsident Steinmeier und der brasilianische Umweltphysiker Paulo Artaxo. Die Themen: Humboldt als Idol und der Klimawandel.

„Die Tropenwelt ist mein Element“, notierte Alexander von Humboldt geradezu euphorisch, „und ich bin nie so ununterbrochen gesund gewesen als in den letzten zwei Jahren“. Die Reise, die der Forscher 1799 vom spanischen La Coruña aus zusammen mit seinem Begleiter Aimé Bonpland in Richtung des Amazonas-Dschungels angetreten hatte, begründete nicht nur ein Werk von 30 Bänden, sondern auch den Weltruhm Humboldts. Seinem Bruder Wilhelm schickte er von Südamerika aus den postalischen Stoßseufzer: „Macht nur, dass ich niemals nötig habe, die Türme Berlins wiederzusehen“.

Bekanntlich kam es anders. Was dem Rückkehrer aus finanzieller Not allerdings nicht zum Nachteil gereichen sollte, schließlich stieg Alexander von Humboldt in Preußen zum „internationalen Superstar“ auf. So formuliert es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der diesen „anderen Preußen“ und „größten deutschen Kosmopoliten“ – der zu Lebzeiten eben wegen seiner Weltoffenheit und Franzosenfreundlichkeit auch angefeindet wurde – erklärtermaßen zu seinen persönlichen Helden zählt.

Steinmeier hält seine Rede im Maxim-Gorki-Theater am Festungsgraben. Dort also, wo früher die Sing-Akademie zu Berlin beheimatet war – Schauplatz der „Kosmos“-Vorträge, die Humboldt im Winter 1827/28 vor über tausend Zuhörerinnen und Zuhörern begann und die seine Popularität bis weit über die Stadtgrenzen hinaus steigerten. Nicht nur, weil Humboldt sein Publikum mit Schilderungen des Exotischen zu unterhalten verstand. Sondern weil er eine neue, universelle Perspektive auf die Wissenschaft erschloss, auf das Zusammenspiel von Natur und Kultur, Ökologie und Ökonomie.

„Alles ist Wechselwirkung“, zitiert ihn Steinmeier, und dieser Satz birgt in Zeiten der forcierten Globalisierung und Vernetzung natürlich seinen ganz eigenen Imperativ: „Aus wissenschaftlicher Erkenntnis die richtigen Schlüsse für den Erhalt der Welt zu ziehen.“

Damit ist ein Kerngedanke der neuen „Kosmos-Lesungen“ benannt, die von der Humboldt-Universität im Jubiläumsjahr angestoßen wurden und deren Auftaktveranstaltung im Gorki-Theater stattfindet. Die Reihe, lobt die Intendantin des Hauses Shermin Langhoff, zeige mit ihrer international hochkarätigen Besetzung, „dass die Wissenschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ihrer eurozentrischen Fixierung gefunden zu haben scheint“. Wohl wahr.

Der brasilianische Umweltphysiker und Friedensnobelpreisträger Prof. Paulo Artaxo von der Universität São Paulo lädt in seinem Vortrag „The Scientific Challenge on Amazonia and Global Environmental Changes“ dazu ein, Forschung weiter zu denken.

So viele Anstöße Humboldts Wirken und Werk auch für die  Gegenwart geben können, so beklemmend erscheint die Distanz zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert. Die Zeiten, in denen Humboldt eine vitale Flora und Fauna im Amazonas-Regenwald vorfand und die größte Unbill aus „Moskiten, die die Luft verfinstern“ bestand, sind passé.

Artaxo legt mit einer Vielzahl von Schautafeln und Diagrammen die verheerenden Folgen von Abholzung und Brandrodung der Regenwälder für das Weltklima dar, faktenreich referiert er über CO2- und Methan-Anstieg. Die mögliche Erderwärmung um 5°C bis zum Jahr 2050 beschreibt er als Katastrophe. Verbunden mit der rhetorischen Frage: „Where is the safe space for humanity?“ – Wo wird die Menschheit ihren Lebens- und Schutzraum finden, wenn der Anstieg des Meeresspiegels durch geschmolzene Polkappen eben nicht nur in Südamerika ganze Landstriche schluckt?

Artaxo trägt seine wissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Dringlichkeit des an Ignoranz Gewöhnten vor. Beim Thema Klimawandel waltet ja eben nicht der common sense, sondern es wüten die ideologisch aufgeheizten Debatten. Die „Fridays for future“-Bewegung allein dürfte daran leider nichts ändern. Schon insofern kann es nicht genügend Koryphäen geben, die unermüdlich benennen, was die Stunde geschlagen hat. Humboldt, davon ist Artaxo überzeugt, hätte sich seiner Forderung nach einer „intelligenteren und effizienteren Nutzung der natürlichen Ressourcen“ sicherlich angeschlossen.

Die „Kosmos“-Reihe wird in den kommenden Monaten mit Themen wie „Sich verwandt machen – Mensch-Umwelt-Beziehungen“, „Eine Reise zum Chimborazo, Wiege der Pflanzengeographie“ oder „Kritik und Kompromiss – Humboldt als Politiker“ fortgesetzt.

Die Humboldt-Universität begleitet das Jubiläumsjahr darüber hinaus mit einer Konferenz über globale Grenzen und Transformation zur Nachhaltigkeit sowie einer Festwoche.

Die Abschlusslesung (28.11.) führt dann zurück zum Ursprungsgedanken der universellen Wechselwirkung. Unter dem Titel „Verwobene Welten“ fragt die neuseeländische Professorin Dame Mary Anne Salmond von der University of Auckland, wie Alexander von Humboldts Idee von einem „Netz des Lebens“ in Verbindung mit den Philosophien Ozeaniens neue Wege in die Zukunft weisen kann.

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