Ausstellung

Eingehüllt in Humboldts Mantel

Die Ausstellung „La naturaleza de las cosas: Humboldt, idas y venidas“ (Die Natur der Dinge: Humboldt, Kommen und Gehen) in Bogotá zeigt, wie die zeitgenössische Kunst in Kolumbien die Auseinandersetzung mit dem Naturforscher sucht.

Bisweilen staunt man, worüber Männer von Weltrang so streiten. Über die Größe von Krokodilen zum Beispiel. In einem Brief an Alexander von Humboldt äußerte sich der Philosoph Friedrich Hegel despektierlich über den vermeintlich kümmerlichen Wuchs der amerikanischen Exemplare – im Vergleich zu denen in der „alten Welt“.

Leider, spöttelte Humboldt zurück, erreichten die amerikanischen Krokodile nur eine Größe von 25 Fuß. Umgerechnet über siebeneinhalb Meter. Eine maßlose Übertreibung freilich. Aber es ging dem Forscher ja auch nur darum, den reptilienkritischen Kollegen in die Schranken zu weisen.

Die Video-Installation „El cocodrilo de Humboldt no es el cocodrilo de Hegel“ des Künstlers José Alejandro Restrepo von 1993 zählt zu den berühmtesten Werken der kolumbianischen Gegenwartskunst. Auf Monitoren an der Wand, mit einer Messlatte darunter, widmet sich Restrepo den Anekdoten und Legenden, die sich um die in seiner Heimat populäre Krokodil-Diskussion ranken.

Die Arbeit ist nun auch Teil der Ausstellung „La naturaleza de las cosas: Humboldt, idas y venidas“ (Die Natur der Dinge: Humboldt, Kommen und Gehen) im Kunstmuseum der Nationalen Universität von Kolumbien, die das Goethe-Institut anlässlich des Themenjahres „Humboldt y las Américas“ initiiert hat. Der Kurator Halim Badawi, der schon 2014 die Ausstellung „The School of Humboldt in America: works and documents“ verantwortet hat, spürt darin einmal mehr dem beträchtlichen Einfluss Humboldts auf die Kunst Lateinamerikas nach.

 

Die Reisenotizen und Zeichnungen des Wissenschaftlers, veröffentlicht in Büchern und Magazinen, hätten, so Badawi, den Blick auf den Kontinent wesentlich geprägt – und eine „Repräsentation des Amerikanischen“ etabliert, die bis heute bestehe. Auf Humboldts Spuren reisten schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Forscher und Künstler etwa zum Salto del Tequendama, einem Wasserfall nahe Bogotá, den der Deutsche vermutlich zum ersten Mal abgebildet hatte. Maler wie der Franzose Antoine-Jean Gros oder der Amerikaner Frederic Edwin Church wollten das berühmt gewordene Motiv ebenfalls festhalten.

Auch der zeitgenössische spanische Künstler José Luis Bongore ist zum Salto del Tequendama aufgebrochen, allerdings mit der Kamera. Er hat dort Material für eine gigantische Videoinstallation gesammelt, die in Badawis Ausstellungs auf drei Museumswänden präsentiert wird. Bongore zeigt indes keine unberührte Natur mehr. Sondern eine Gegend, die von Vernachlässigung, Verstädterung und einer exzessiven Verschmutzung des Rio Bogotá geprägt ist. Vom Kontrast zwischen den Resten der Schönheit (grüner Eukalyptus und blauer Himmel im Spiegel des schwarzen Wassers) und der offensichtlichen Zerstörung lebt diese Arbeit, die in Badawis Augen „zwischen Humboldts Monumentalität und der Tragödie der Gegenwart“ angesiedelt ist.

Es geht dem Kurator mit „La naturaleza de las cosas: Humboldt, idas y venidas“ eben nicht zuletzt darum, ein Humboldtsches Erbe in all seinen Ambivalenzen zu zeigen. „Die Ideen, die er in seinen geografischen und menschlichen Atlanten entwickelt hat, haben in Amerika den modernen Wissenschaften die Tür geöffnet und dem Kontinent zu einer neuen Sichtbarkeit verholfen“, so Badawi. „Und zugleich, ohne dass Humboldt etwas dafür konnte, wurden damit Invasionen, Jagden und Verheerungen angebahnt.“ Ihn erinnert das an Alfred Nobels Erfindung des Dynamits – ursprünglich gedacht zur Schadensbegrenzung, um das gefährliche Nitroglycerin zu ersetzen.

Die Ausstellung ist in sieben sogenannte Dialoge gegliedert, die unter Überschriften wie „Von der wissenschaftlichen Vermessung zur ökonomischen Ausbeutung“ oder „Von der Träumerei zur Zerstörung“ das Janusgesicht des Erkenntnisgewinns beleuchten. Die Entstehungszeit der Kunstwerke reicht vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, die ausgestellten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler sind zwischen 27 und 60 Jahre alt, „was die Vitalität des Humboldtschen Erbes als Gegenstand der kritischen Debatte zeigt“, betont Badawi.

Humboldts Einfluss auf die Gegenwartskunst sei jedenfalls enorm. „Ein kolumbianischer Künstler, der sich heute mit der Natur auseinander setzt, ist – ob bewusst oder unbewusst – eingehüllt in Humboldts Mantel“, so der Kurator. „Die Auseinandersetzung mit seinen Gedanken und Bildern scheint nach 200 Jahren vitaler denn je.“


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