Ausstellung

Wie Wissen wächst

Das zeigt eine Ausstellung im Botanischen Garten Berlin. „Alexander von Humboldt und die Wurzeln der Wissensproduktion“ ist der Untertitel. Anhand von Exponaten und einer Hörstation gehen Besucher der Frage nach, wie botanisches Wissen entsteht und welche Relevanz dieses heute noch hat. War Humboldt wirklich der Erfinder der Infografik, und was haben Pflanzen damit zu tun?

Für eine Blüte dieses Baumes hätten Alexander von Humboldt und sein Reisegefährte Aimé Bonpland viel gegeben. Eine Unze Gold setzten sie als Belohnung aus – jedoch vergebens. Auch ohne Blüten beschrieben sie den Paranussbaum, den die beiden Forscher im Mai 1800 an der Mündung des Flusses Casiquiare im heutigen Venezuela vorfanden, für die Nachwelt. Und immerhin brachten sie Blätter des ihnen unbekannten Gewächses, der Wissenschaft heute als Bertholletia excelsa geläufig, von der Expedition mit. Ein solches befindet sich auch im Herbarium des Botanischen Gartens Berlin, das mit seinen Beispielen aus aller Welt die Basis für erkenntnisstiftende Pflanzen-Forschungen schafft. Mehr als 3000 von Humboldt gesammelte botanische Fundstücke werden hier bis heute verwahrt.

Im 250. Jubiläumsjahr Humboldts zeigt das Botanische Museum nun eine Ausstellung mit dem Titel „Wie Wissen wächst“, die den Universalgelehrten als Wissensproduzenten auf dem Gebiet der Botanik vorstellt. Als einen sehr bescheidenen, wohlgemerkt. „Unter den Freunden Dir der liebste, in der Botanik der Schüler“, schrieb Humboldt seinem Mentor Carl Ludwig Willdenow, den er in Pflanzen-Fragen oft zurate zog, auf Lateinisch ins „album amicorum“.

Pioniere der Botanik

Die Ausstellung, kuratiert von Patricia Rahemipour und Kathrin Grotz, findet Platz in einem kleinen Bauwagen nahe dem Hauptgewächshaus – bietet aber dennoch eine Fülle an wissenswerten Details. Etwa, dass Humboldt und Bonpland nicht nur Herbarbelege sammelten, um Informationen zur lebenden Pflanze zu konservieren,sondern auch mit bildgebenden Verfahren wie dem Naturselbstdruck experimentierten, bei dem durch dünnen Farbauftrag die feinsten Strukturen von Blättern oder Blüten sichtbar werden. Populär wurde diese Technik erst im späten 19. Jahrhundert. Eine weitere Pionierleistung also.

Man erfährt zudem, dass im siebenteiligen Feldtagebuch der Amerikanischen Reise in chronologischer Reihenfolge 4527 fortlaufend nummerierte Einträge und Skizzen zu gesammelten Pflanzen enthalten sind – dieselben Nummern, die sich auf den Etiketten der Herbarbelege finden. Ein von Humboldt und Bonpland erfundenes Dokumentationsverfahren, das heute in der botanischen Feldforschung Standard ist.

Auch über manche Pflanze bietet „Wie Wissen wächst“ Erhellendes. So wurde in Mexiko das Speicherorgan der Dahlie schon von den Azteken als Delikatesse verzehrt. Als aus Samen, die Humboldt 1804 eingesandt hatte, eine Dahlie in Berlin erblühte, war dieses Wissen jedoch verloren gegangen. Gärtner und Botaniker interessierten sich vor allem dafür, neue Dahlien-Arten als Zierpflanzen zu züchten. 

Zu den Wissenswurzeln

Das Herzstück der Ausstellung ist dabei eine Hörstation, an der man sich zwölf Folgen des von Jugendlichen mitproduzierten Podcasts „Wissenswurzel“ auflegen kann. Dabei geht es zum Beispiel um den Chinarindenbaum, dem Humboldt und Bonpland auf der Amerikareise besondere Aufmerksamkeit schenkten. Das Gewächs enthält Chinin (ein Stoff, der heute vor allem im Tonic Water vorkommt) und war seinerzeit eine wertvolle Pharma-Pflanze, mit der sich Fieber und Malaria behandeln ließen. Angeregt durch den Austausch mit einem Kollegen in Bogotá passte Humboldt sogar seine Reiseroute an, um ein Anbaugebiet in Loja (heute Ecuador) besuchen zu können.

Eine andere Folge widmet sich der Curare-Pflanze und ihrem Gift, von Humboldt ja sehr anschaulich in den „Relations historique“ beschrieben. Die „Strychnos guianensis“, die ihre tödliche Wirkung nur bei direktem Kontakt mit dem Blut entfaltete, wurde von indigenen Völkern Südamerikas gern zu einem berauschenden Sud verkocht. „Ein Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die Flüssigkeit zu kosten“, notierte der Naturforscher.

Überhaupt wird in der Ausstellung ein lebhaftes Bild der Amerikareise beschworen – auch jenseits der botanischen Erkenntnisse. 2700 Kilometer in 75 Tagen, zurückgelegt in einem Einbaum mit vier indigenen Ruderern und einem Steuermann. Abgebildet ist eine Tagebuchseite voller Wasserflecken, im Podcast wird aus Humboldts Beschreibungen einer lebensbedrohlich stürmischen Passage zitiert („Wir glaubten uns alle verloren, doch bewahrten wir die Besinnung“).

Einzig in seiner Art

Nicht zuletzt erzählt „Wie Wissen wächst“ einmal mehr von Humboldts weitreichenden Netzwerken und Verbindungen, von Zeitgenossen, die ihn inspirierten und umgekehrt. Darunter auch Goethe: „Man könnte in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vorträgt“, notierte der Dichter begeistert über den20 Jahre jüngeren Freund. Wohl auch, weil beide die Liebe zur Botanik teilten. Goethes Gedicht „Gingo biloba“ aus dem West-östlichen Diwan, auf das im Original die zweigeteilten Blätter des Gingko-Baumes geklebt sind, ist ein Zeugnis davon.

Zu Humboldt schließlich notierte Goethe auch einen Satz, der dessen gesamtes Forscherleben hervorragend zusammenfasst: „Man darf ihn in seiner Art einzig nennen“.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. März 2020 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind analog zum Botanischen Garten, täglich von 9 bis 20 Uhr.


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