Interview

Ein Zeugnis eines rastlosen Geistes

Andrea Wulf hat zahlreiche Bücher geschrieben, „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ wurde 2015 ein Bestseller. Ihr neues Werk „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ ist ein biografisches Bilderbuch: die große Reise des Forschers durch Südamerika von 1799 bis 1804, illustriert von Lillian Melcher.

Frau Wulf, kürzlich waren Sie mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier unterwegs auf den Spuren von Alexander von Humboldt. In sechs Tagen ging es von Berlin nach Cartagena, Bogotá, Quito, Galapagos, Guayaquil und zurück nach Berlin. Ziemlich stressig...
Allerdings, diese sechs Tage waren unglaublich durchgetaktet. Ich habe mich rastlos wie Humboldt gefühlt. Aber es war ein großartige Erfahrung: Wenn mir jemand vor acht Jahren, als ich im Archiv an meiner Recherche über Humboldt saß, gesagt hätte, dass ich 2019 dem Bundespräsidenten dabei zuhören darf, wie er in Quito in einer langen Rede die Rolle von Humboldt in der aktuellen Debatte um den Klimawandel betont – das hätte ich nie geglaubt. Das war ein Gänsehautmoment für mich.

Wie lange hätte wohl Humboldt für diese Strecke gebraucht?
Wahrscheinlich Jahre. Er hat ja eigentlich alles zu Fuß zurückgelegt. Wir sind in einer guten Stunde von Cartagena nach Bogotá geflogen. Allein dafür hat Humboldt fast vier Monate gebraucht.

Kann man sich heutzutage überhaupt vorstellen, wie Humboldt damals gereist ist?
Schwer, aber es geht. Ich bin wie Humboldt den Vulkan Chimborazo hinauf, aber mit guten Schuhen und modernem Equipment und nicht einmal so hoch wie er. Ich kam nur bis etwa 5.000 Meter – und das war schon sehr anstrengend. Humboldt dagegen war bis fast 6.000 Meter – und das im Jahr 1802 mit Leinenhosen, zerrissenen Schuhen und blutenden Füßen. Das muss unglaublich hart gewesen sein.

 

Was haben Sie auf dem Chimborazo in Ecuador, mit 6.267 Metern zu Humboldts Zeiten der höchste bekannte Berg, gesucht?
Diese Besteigung war für mich wichtig, weil er dort oben auf dem Chimborazo fast so etwas wie eine Erleuchtung hatte, die zentral ist für Humboldts Naturverständnis.

In Ihrem neuen Buch „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ arbeiten Sie heraus, dass Humboldt dort oben auf dem Vulkan eine Eingebung hatte, die zu seinem – heute würde man sagen – ganzheitlichen Naturbegriff führte.
Ja, genau. Er dachte ja, er steht auf dem höchsten Punkt der Erde, und er erkannte von dort oben die Natur als ein großes, zusammenhängendes Ganzes. Er hat erkannt, dass die Reise von Quito hoch fast auf den Gipfel des Chimborazo wie eine botanische Reise vom Äquator durch alle Klimazonen bis zu den Polen war. Er hat festgestellt, wie sehr die Pflanzen – von den tropischen Bäumen in den Tälern bis zur letzten Flechte an der Schneegrenze – anderen Pflanzen aus anderen Ecken der Welt glichen. Da hat er begriffen, dass es globale Vegetationszonen gibt – und hat die Pflanzenwelt fortan nicht wie andere Wissenschaftler in ein rigides Klassifizierungssytem gepfercht, sondern hat Verbindungen gezogen.

 

In Ihrem Buch erfährt man auch, dass im Jahr 2012 eine Expedition festgestellt hat, dass die Pflanzen auf dem Chimborazo mittlerweile 500 Meter weiter nach oben gewandert sind – ein Nachweis des Klimawandels. Ist Humboldt für Sie der Urahn des modernen Umweltschutzes?
Ja, er ist der vergessene Vater des Umweltschutzes. Steinmeier hat ihn in seiner Rede in Quito den Vater der Ökologie genannt. Humboldt kannte den Begriff natürlich noch nicht, der wurde erst später erfunden. Aber er schreibt immer wieder von der Natur als lebendigem Organismus, der vom Menschen bedroht ist. Immer wieder beschreibt er, wie Menschen die Natur zerstören, welche Konsequenzen beispielsweise künstliche Bewässerungen und Rodungen haben. Als er sieht, wie die Täler um Mexico City herum verdorrt sind, schreibt er: „Ich glaube, dass man die Natur vergewaltigen wollte.“ Er hat schon damals vor dem Klimawandel gewarnt. Er war sicher ein Vordenker des Umweltschutzes, aber er hat das – da muss man ehrlich sein – auch nie in Aktivismus umgesetzt.

Für dieses neue Buch haben Sie sich auf eine ganz spezielle Reise begeben: Sie haben sich durch die Tagebücher von Humboldt gearbeitet, mehr als 4.000 Seiten. Welchen Humboldt haben Sie auf dieser Reise gefunden?
Man konnte die Tagebücher ja vorher schon in Abschriften lesen, aber, seit 2014 die ersten Seiten online sind, kann man sie jetzt auch im Original sehen – handschriftlich und mit seinen Zeichnungen. Da sieht man – und das ist der Grund, warum ich „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ als illustriertes Buch machen wollte –, dass Humboldt eine ganz starke künstlerische Seite hatte. Er wird ja gern als der Empiriker gesehen, der mit seinen 42 Messgeräten durch Südamerika gejagt ist. Aber das ist völlig falsch. Humboldt ist jemand, der immer wieder sagt: Wir müssen unsere Fantasie und unser Gefühl benutzen, um die Natur zu verstehen. In seinen Tagebüchern sieht man genau das: Hunderte von Skizzen, Tiere, Pflanzen, Berechnungen, Vulkanprofile, Karten. Das sind nie einfache, beschriebene Seiten, Humboldt klebt auch immer wieder neue Papierfetzen darüber, schreibt dazu, zeichnet noch etwas. Das sind mehrschichtige Collagen seiner Beobachtungen und Gedanken. Ein Zeugnis eines rastlosen Geistes, der immer wieder neue Ideen hat und nie nur linear in eine Richtung denkt, sondern immer in alle Richtungen gleichzeitig.

 

Sie lassen Humboldt im Buch erzählen von seinen Forschungen und seinen Entdeckungen, dann aber auch von ganz alltäglichen Erlebnissen. Einmal adoptieren er und sein Begleiter, der Botaniker Bonpland, einen streunenden Hund. Geht es Ihnen darum deutlich zu machen: Humboldt war auch nur ein Mensch?
Ja, unbedingt. Das ist ja keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Buch für ein allgemeines Publikum. Die Recherche hat akademischen Standard, weil ich nur Primärquellen verwendet habe. Aber mir ist ganz wichtig, dass es nicht nur Humboldt als Wissenschaftler abbildet, sondern auch als Menschen – denn ich glaube, das eine kann es ohne das andere nicht geben, das kann man gar nicht trennen. Der Mensch beeinflusst, wie man seine Wissenschaft betreibt. Humboldts Charakter hat ihn dazu gebracht, auf Entdeckungsreise zu gehen. Und wäre er nicht auf Entdeckungsreise gegangen, wäre er ein völlig anderer Wissenschaftler geworden.

Wenn man von Humboldt als Mensch spricht, darf seine Sexualität nicht fehlen. Sie thematisieren ausdrücklich Humboldts vermutete Homosexualität, lassen ihn aber nicht mehr sagen als: „Ich hatte nie eine Ehefrau, weil ich für eine Familie stets zu beschäftigt war.“
Mehr kann man nicht sagen, denn mehr ist nicht bekannt. Alles andere wäre dichterische Fantasie, aber mir ist sehr wichtig, dass ich mir in meinen Büchern nichts ausdenke. Wenn sie mich als Privatperson fragen: Ich bin mir zu 99,9 Prozent sicher, dass Humboldt homosexuell war. Aber was niemand weiß, solange keine anderen Dokumente auftauchen: ob Humboldt das körperlich ausgelebt hat. Was wir aber mit ziemlicher Bestimmtheit sagen können: Dass er niemals eine Beziehung zu einer Frau hatte, denn wenn der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit eine Affäre mit einer Frau gehabt hätte, dann wäre das bekannt geworden. Andererseits wissen wir, dass sein Bruder Wilhelm nicht zugelassen hat, dass Alexander bei ihm mit einem Freund übernachtet hätte. Aber was genau war, das wissen wir nun mal nicht.

Als Ihr sehr erfolgreiches Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2015 herauskam, haben Sie gesagt, Sie wollten Humboldt zurück auf den Sockel stellen, auf den er gehört, weil er außerhalb der akademischen Welt nahezu vergessen sei. War das wirklich so?
Ich lebe seit fast 25 Jahren in London und schreibe auf Englisch. Ich habe das Buch damals gar nicht für den deutschen Markt geschrieben, sondern nur für den angelsächsischen. Denn in Großbritannien oder den USA haben auch hochgebildete Menschen oft noch nichts von Alexander von Humboldt gehört. Who is that?, haben mich die Leute in den USA gefragt. Man muss dann aufzählen: Humboldtstrom, Humboldt-Pinguin, dann klickt es bei manchen. In Kalifornien gibt es die Humboldt State University im Humboldt County. Da glauben selbst die Studenten, dass die Universität nach dem County benannt ist, und warum das County so heißt, wie es heißt, haben sie sich nie gefragt. Unglaublich! Die einzige Ausnahme sind die Geografen, die haben schon mal was von Humboldt gehört. Aber um ehrlich zu sein: In Deutschland ist das auch nicht so viel besser. Hier kennt man Humboldt zwar, aber Alexander und Wilhelm werden gern mal miteinander verwechselt. Man kennt Alexander als Abenteurer und Naturforscher, aber wie wichtig er für unser Umwelt- und Naturverständnis ist, und auch wie unfassbar berühmt Humboldt in der Welt war – das wissen die allermeisten Deutschen auch nicht. Zu seinem 100. Geburtstag sind 25.000 Menschen durch Manhattan marschiert.


Andrea Wulf wurde 1972 in Neu-Delhi als Kind von Entwicklungshelfern geboren und wuchs in Hamburg auf. Sie studierte Kulturwissenschaften und Design-Geschichte in Lüneburg und London, wo sie seitdem lebt und als Autorin arbeitet.

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