Interview

„Der sinnliche Humboldt ist noch zu entdecken“

Der Historiker Andreas W. Daum beschreibt in einer neuen Biografie Alexander von Humboldts Leben im Spiegel eines revolutionären Zeitalters voller Umwälzungen. Im Interview erklärt der Humboldt-Forschungspreisträger, wie widersprüchlich Humboldt als politischer Mensch war und warum das Leben des weit gereisten Wissenschaftlers noch längst nicht zu Ende erzählt ist.

Sie schreiben, mit Ihrem Buch verorten Sie Alexander von Humboldt „in seiner Zeit“. Wird das Ihrer Meinung nach zu selten getan?
Ja, es gibt immer wieder die Neigung, Humboldt aus seiner Zeit herauszuheben und überlebensgroß zu machen – und das übrigens seit seinem Tod 1859. Aber je universaler das Monument Humboldt wird, desto unschärfer wird der Mensch, der er war. Man muss Humboldt als Produkt seiner Zeit sehen, die ja von ungeheuren Umbrüchen geprägt war: Französische Revolution und Sklavenbefreiung in Haiti, Umordnung des Staatensystems in Europa, soziale Umwälzungen, Aufstieg des Bürgertums. Humboldt zu verstehen als jemand, der sich in diesen unruhigen Zeiten schwierigen intellektuellen Herausforderungen stellte, das macht einerseits seine Grenzen und Beschränkungen deutlicher. Aber andererseits wird er auch komplexer und fragiler – und damit auch faszinierender und interessanter. Nur ist er dann nicht mehr der intellektuelle Superhero, als der er heute oft erscheint. Letzteres verdeckt leicht, wie viel es an Humboldt noch zu entdecken und zu erforschen gibt.

„Je universaler das Monument Humboldt wird, desto unschärfer wird der Mensch, der er war.“

Ist der Mann denn noch nicht auserzählt?
Beileibe nicht. Zum Ersten ist es erstaunlich, wie wenige Biografien es gibt, die sich nicht nur mit dem intellektuellen Humboldt beschäftigen. Der emotionale, der sinnliche Humboldt ist noch zu entdecken – auch das hat mich motiviert beim Schreiben des Buches. Das Zweite wäre die Wissenschaftsgeschichte: Die wird weiter klären, wie sich die Persönlichkeit Humboldts in seine Forschung eingeschrieben hat, welchen Beitrag er zur Entwicklung globaler Netzwerke und zu Wissenstransfer geleistet hat. Und der dritte Aspekt: Am bekanntesten sind natürlich Humboldts Reisen nach Südamerika und – etwas weniger – nach Asien. Aber es gibt viele, wesentlich unspektakulärere Regionen, von denen Humboldt viel gelernt hat: Die Nachbarländer von Preußen, auch Österreich, die Reise in die Schweiz war wichtig, auch die nach Spanien muss neu entdeckt werden. Da gibt es viele Felder, auf denen wir weiter arbeiten können.

Auch seine vermutete Homosexualität scheint nicht wirklich gut erforscht zu sein.
Das stimmt. Die Frage nach seiner Sexualität wurde in der Forschung über die Jahrhunderte immer verdrängt oder sogar als illegitim angesehen. Ich glaube, dass sie wichtig ist, denn Menschen sind keine Maschinen, und das Persönliche, das Private in Humboldts Wissenschaft einzuschreiben, ist notwendig und wichtig. In seinen privaten Korrespondenzen in den 1790er-Jahren zeigt er sich relativ freimütig als sinnlicher Mensch mit einem Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Männern. Die Frage, ob er diese Homosexualität ausleben konnte, ist allerdings ungleich schwieriger zu beantworten, weil Humboldt darüber einen Schleier der Privatheit gelegt hat. Aber eine weitere Forschung nach dem privaten Humboldt könnte noch überraschende Erkenntnisse hervorbringen.

„Humboldt wurde zum Sisyphus, der immer wieder neu versuchte, den Berg zu erklimmen, der ihm den Überblick gewähren sollte.“

In Ihrem Buch erscheint Humboldt als jemand, der mit allen Umständen gut zurecht kommt, der sich geschmeidig in vielen verschiedenen Kulturen, Zeitenwenden, Wissenschaften, politischen Situationen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bewegt. War Humboldt ein genialer Opportunist?
Er war auf jeden Fall ein Meister des Herummogelns. Das war einerseits die Voraussetzung seiner Existenz als freischaffender, um nicht zu sagen frei schwebender Intellektueller. Andererseits aber auch genau die Folge dieser Existenz. Er bewegte sich ja in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen: Er hatte es mit fränkischen Dorfbewohnern zu tun und der kreolischen Oberschicht im spanischen Kolonialreich, er musste es aufnehmen mit den Reformern im spanischen Kolonialreich und den Royalisten am preußischen Hof, er traf sich mit emigrierten linken Schriftstellern in Paris und französischen Liberalen. Da fällt immer auf: Humboldt wird von diesen Zirkeln vereinnahmt, er wird scheinbar zum Insider, aber innerlich bleibt er ein Außenseiter. Diese innerliche Distanz hat es ihm ermöglicht, seine eigenen Interessen im Auge zu behalten: Er wollte sich nicht vereinnahmen lassen, weil er den Zugang zu möglichst vielen intellektuellen Quellen bewahren wollte.

Wäre Humboldt, würde er heute leben, ein potenzieller Nobelpreisträger, der an einer US-Elite-Universität Grundlagenforschung betreibt? Oder wäre er Moderator einer Wissenschafts-Show im TV?
Die Wissenschaftslandschaft hat sich während Humboldts Lebenszeit dramatisch verändert, und schon damals – ebenso wie heute – war es längst nicht mehr möglich, das Wissen der Welt zu überblicken. Humboldt spürte das und wurde zum Sisyphus, der immer wieder neu versuchte, den Berg zu erklimmen, der ihm den Überblick gewähren sollte. Vielleicht würde er heute über diesen zum Scheitern verurteilten Versuch schreiben.

„Er litt unter dieser Explosion des Wissens, das ihm geradezu zerfloss unter seiner Schreibfeder.“

Nicht nur Humboldt hat diese Modernisierung gespürt, auch seine Zeitgenossen litten schon daran, dass das Leben immer unübersichtlicher wurde, die Welt sich schneller drehte. Welchen Tipp hätte Humboldt für die gestressten Modernisierungsopfer von heute?
Ich glaube nicht, dass Humboldt heute in der Ratgeberecke von Buchhandlungen zu finden wäre. Er monologisierte zwar gern, aber er belehrte die Menschen nicht darüber, wie sie ihr Leben zu führen haben. Aber es stimmt: Er litt unter dieser Beschleunigung. Denn sie sorgte auch für eine Explosion des Wissens, das ihm geradezu zerfloss unter seiner Schreibfeder. Also suchte er nach Auswegen – und bildete Netzwerke, kommunizierte viel, arbeitete nach Möglichkeit arbeitsteilig, setzte auf den Nachwuchs und lernte von den Jungen. Das sind moderne Strategien, derer sich auch der heute von Modernisierung und Globalisierung gestresste Mensch bedienen kann. Mit einem aber hatte Humboldt Probleme: Pausen einzulegen. Humboldt war ein obsessiver Arbeiter, Entschleunigung war seine Sache nicht.

„Er war kein Revolutionär, er war kein Don Quixote, der gegen die imperiale Macht aufstand.“

Widersprüchlich ist auch Humboldts Verhältnis zum Kolonialismus: Einerseits verurteilte er vehement die Sklaverei, andererseits untersuchte er in Südamerika – trotz Protesten seiner indianischen Begleiter – Grabstätten der Ureinwohner und hat sogar Knochen nach Europa geschafft – heute würde man sagen: gestohlen.
Humboldt hat sehr scharf erkannt, dass die Sklaverei kein isoliertes Phänomen war, sondern Teil eines kolonialen Ausbeutungssystems. Aber er war kein Revolutionär, er war kein Don Quixote, der gegen die imperiale Macht aufstand – auch weil es nicht seinen Interessen diente. Außerdem waren markige Parolen und rhetorische Paukenschläge nicht seine Sache. Aber: Das, was uns angesichts der aktuellen Diskussionen über unser koloniales Erbe als Widerspruch erscheint, das war für einen Menschen, der vor 200 Jahren gelebt hat, im akzeptablen Rahmen. Das muss uns nicht gefallen, das können wir auch verurteilen, aber wir müssen sehen: Humboldt agierte sehr viel liberaler und sensibler als andere Forscher seiner Zeit.

Alle fragen immer, wer oder wie Humboldt heute wohl wäre. Aber vielleicht ist die interessantere Frage: Was sollten wir heute vom guten alten Humboldt lernen?
Ganz klar die Fähigkeit, unserer Neugierde Platz zu geben, sie nicht durch Karrieremuster, nicht durch disziplinäre Grenzen oder politische Erwartungen einschränken zu lassen. Humboldt hat viele Antworten gegeben, aber lernen kann man von ihm vor allem, dass man Fragen stellen muss, um selbstbestimmt zu leben.


Andreas Daum ist Professor für Geschichte an der State University of New York in Buffalo. Am 14.2. erschien seine Biografie „Alexander von Humboldt“ (Verlag C.H. Beck, München 2019, 128 S., 9,95 Euro)

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