Portrait

Der Humboldt-Code

Er war ein besessener Netzwerker, ein Draufgänger und Marketinggenie. Die Berichte von seinen Reisen und Abenteuern machten Alexander von Humboldt zum Star. Heute, zu seinem 250. Geburtstag, wird der preußische Gelehrte immer noch verehrt.

Die großen Geister seiner Zeit, ob Kant oder Goethe und später auch Karl Marx, erkunden die Welt vor allem vom Schreibtisch aus. Alexander von Humboldt aber versucht die Welt nicht nur zu erklären, sondern geht dahin, wo noch keiner war. Er experimentiert mit dem eigenen Körper, wirft sein Leben in die Waagschale, als hätte er sechs oder sieben davon. Als junger Oberbergmeister in Franken, mit 24 Jahren, wäre er um ein Haar in einem Stollen erstickt. Er deliriert schon, als er aufgefunden und nach oben gebracht wird. Wenige Jahre später, bei einer Flussfahrt auf dem Orinoko, droht das Boot des preußischen Kolumbus zu kentern. Humboldt kann nicht schwimmen, und im Wasser sind Krokodile. Mit knapper Not kommt er davon – nicht anders als bei einer Vulkanbesteigung in den Anden eine Schneewand unmittelbar neben ihm abbricht und in die Tiefe stürzt. Auf einer Überfahrt von Havanna nach Cartagena im heutigen Kolumbien entgeht sein Schiff mit Glück einer Havarie. Im Dschungel hat er eine Begegnung mit einem Jaguar, die glimpflich verläuft. Humboldt weiß solche Episoden geschickt einzustreuen, im Gespräch und in seinen Texten.

Im Stile eines Extremsportlers

Das lange Leben des Forschers und Schriftstellers steckt voller Beinahe-Fatalitäten und Unternehmungen, die jeder Vernunft zuwiderlaufen. Mit 57 Jahren besteigt Alexander von Humboldt im Stil eines Extremsportlers eine Taucherglocke und lässt sich auf den Grund der Themse herabsinken. Die Londoner bauen zu dieser Zeit den ersten Tunnel unter dem Fluss. Es ist stockfinster und eiskalt dort unten in der Kloake. Die Glocke erreicht eine Tiefe von elf Metern, über einen Lederschlauch werden die Insassen mit Atemluft versorgt. Humboldt hat Kopfschmerzen, er blutet wegen der Druckschwankungen aus der Nase und erinnert sich an seine irrsinnigen Touren in Lateinamerika.

„Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden.“

Humboldt an Ludwig Bullmann, Cumaná (Venezuela), 13. Oktober 1799

Humboldt hat Natur- und Geisteswissenschaft auf exemplarische Weise zusammengebracht. Das entwickelt heute wieder eine starke Anziehungskraft, inspiriert Künstler ebenso wie Wissenschaftler. Ihm geht es, wie er im ersten Band des „Kosmos“ schreibt, um die „tiefere Einsicht in das Wirken der physischen Kräfte“ und wie sie zusammenhängen, schließlich: „Alles ist Wechselwirkung“. Und so vieles in seinem scheinbar minutiös durchorganisierten Arbeitsleben ist Zufall. Vor der Abreise nach Amerika verfolgt er andere Pläne. Er will nach Ägypten, dann weiter nach Asien, aber das alles zerschlägt sich. Und fügt sich glücklich, als die spanische Krone ihm und seinem Kollegen Aimé Bonpland 1799 überraschend Pässe für die Neue Welt ausstellt. Die Spanier erhoffen sich von dem äußert selbstbewusst und zugleich diplomatisch auftretenden Bergbauexperten eine neue Expertise für ihre schlecht organisierten Silberminen in den Kolonien. Er hat darauf spekuliert, aber nicht damit rechnen können.

Das Selbstvermarktungsgenie

Dieses freie, radikale Element zeichnet Humboldts ganze Existenz aus. Er hat ein unglaubliches Gespür für den Moment, wenn es ums Zupacken und Aufbrechen geht. Und kaum dass er einige Monate in Lateinamerika unterwegs ist, gibt er eine Kostprobe seines Selbstvermarktungsgenies. In einem Brief an einen deutschstämmigen US-amerikanischen Geschäftsmann schildert er seine Reiseerlebnisse und bittet ihn, „in ein oder zwei der gelesensten amerikanischen Zeitungen (solche, die nach England gehen)“, eine Notiz einrücken zu lassen. Den Wortlaut der Meldung liefert er ­ , erstaunlich dreist – en détail und in der dritten Person mit, fertig zum Abdruck: „dass Humboldt, nachdem der physikalische und mineralogische Beobachtungen auf dem Gipfel des Pico von Teneriffa angestellt, sehr gesund und glücklich Anfang Juli mit der Sammlung seiner physikalischen und astronomischen Instrumente in dem Hafen von Cumaná angelegt sei, von wo aus er under the protection of his Cathol. Majesty bereits seine Arbeiten in den Gebirgen von Paria und Nueva Andalucia angefangen. Er wird von hier nach Mexiko abgehen.“

„Es ist nicht genug zu klagen, sondern man muss arbeiten, den Klagen abzuhelfen.“

Humboldt an Wilhelm Gabriel Wegener, Berlin, 3. Juli 1788

Da spricht der Netzwerker und der Draufgänger. Es sind professionell gewählte Worte, die Neugier wecken, von seinen Taten künden und das Publikum vor allem in Europa auf dem Laufenden halten und in Erstaunen versetzen sollen. Es funktioniert, die Journale ziehen mit. Humboldt arbeitet an seiner Publicity sorgfältig und mit System. Er weiß, wer ihm wo und unter welchen Umständen nützlich sein kann, ob König oder Kaufmann, Wissenschaftskollege oder Studienfreund mit Beziehungen. Die Welt soll erfahren, wie er es anstellt, ihren Horizont zu erweitern. Publicity in eigener Sache beherrscht er glänzend: wie man das Bild vorgibt, das die Welt sich von einem macht. So entsteht eine globale Marke.

Dem zitierten Brief merkt man die Eile an, in der er verfasst ist. Humboldt schreibt Briefe – reichlich, 50.000 sollen es bis an sein Lebensende sein –, wie heute E-Mails und Tweets abgesetzt werden. Auf die fünfjährige Reise durch Süd-, Mittel- und Nordamerika, wo er zum Schluss dem US-Präsidenten Thomas Jefferson einen Besuch abstattet und sich feiern lässt, folgen fünfzig Jahre ununterbrochener publizistischer Aktivität. Alexander von Humboldt geht das Verfassen und Veröffentlichen seiner Bücher mit ebensolcher Dynamik, Risikobereitschaft und Besessenheit an, wie er sich zuvor auf Berge, Flüsse, Meere und glühend heiße Landstriche geworfen hat, einschließlich ihrer Menschen und Kulturen.

Ausgekühltes, gepanzertes Wesen

„Mit Besinnung und Energie übersteht man alles“, notiert der Reisende, dessen Gesundheit auch unter extremen Bedingungen nicht leidet, sondern sich durch Dauerstrapazen in einem Klima, das andere Europäer umwirft, nur zu festigen scheint. Es liegt in seinem Wesen etwas Ausgekühltes, Gepanzertes. Zeitgenossen hat er damit leicht irritiert und verletzt. Er verbindet Emotion und Analyse, ohne sie zu vermischen. Humboldt kultiviert die berechnende Bewunderung und die bewundernde Berechnung.

„Das Goldsuchen ist eine europäische Krankheit, welche an Raserei grenzt.“

Reisetagebuch, Aufenthalt in Honda (Kolumbien), 18.– 22. Juni 1801

Das sogenannte amerikanische Reisewerk stellt ein Mammutunternehmen dar, es wird zum publizistischen Albtraum, ein wirtschaftlicher Wahnsinn, eine wissenschaftliche Sisyphusarbeit. Je nach Zählweise umfasst es bis zu 35 Bände: eine Bibliothek der Neuen Welt mit Kartenwerk und zahlreichen Bildern. Das alles koordiniert ein einziger Mensch, der ein kleines Heer von Spezialisten – Drucker, Zeichner, Übersetzer, Verleger, wissenschaftliche Mitarbeiter und Co-Autoren – beschäftigt. In der Regel erscheinen die Bände auf Französisch, manchmal in deutscher Übersetzung, wobei die deutsche Fassung nicht immer von Humboldt selbst stammt. Einige der Bücher kommen bereits vor 1815 auf Englisch heraus. Übersetzungen gibt es ins Niederländische, die Sprache einer weiteren Kolonialmacht, und später auch ins Spanische. Sein Kuba-Buch wird auf der karibischen Insel wegen seines politischen Inhalts verboten. Humboldt – ein engagierter Gegner der Sklaverei – schreibt über Geographie und Soziologie, Flora und Fauna, Klima und Kunst. Es ist die größte je verfasste private Enzyklopädie. Sie ruiniert ihren Autor und reißt andere mit in den finanziellen Abgrund. Einige der Bände sind so teuer, dass Humboldt sich ihren Besitz nicht leisten kann. Als er 1827 nach Berlin zurückkehrt, ist er so berühmt wie pleite.

Daten verbinden sich mit Poesie

Die „Kosmos“-Bände, die ab 1845 bei Cotta erscheinen, zählen nicht zum eigentlichen Reisewerk, auch wenn sie mit ihm kommunizieren. Sie sind ein eigenes Universum. Sie werden zu Bestsellern. Bis 1858 erscheinen vier Bände. Sie beschäftigen sich mit dem Aufbau der Erde und der Himmelserscheinungen, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte und, das ist das immer noch Außergewöhnliche bei Humboldt, mit „Naturgenuss“ und ästhetischer Empirie. Aus dem „Kreise der Objekte“ geht er in das Reich der Empfindungen. So dreht es sich für ihn um eine sinnliche Wissenschaft, Daten verbinden sich mit Poesie, zumal im zweiten Band. Den fünften „Kosmos“-Band hat Humboldt nicht mehr fertigstellen können, er stirbt 1859 mit fast neunzig Jahren. Zu vollenden war das Projekt ohnehin nicht, das liegt in der Natur der Sache, und er weiß das in jedem Moment seiner erdrückenden Arbeit.

„Den Indios geht es wie den Afrikanern: Werden sie nicht gerade totgeschlagen, heißt es, es gehe ihnen gut.“

Reisetagebuch, Lima (Peru), 23. Oktober – 24. Dezember 1802

Forschung hat ein Ziel, aber kein Ende. Und dafür hat Humboldt selbst mit gesorgt, indem er immerzu junge Wissenschaftler anregt und unterstützt. Die „Kosmos“-Bände fallen in eine Zeit, die eine Explosion des Wissens erlebt und eine radikale Veränderung der wissenschaftlichen Praxis. Auch wenn allein sein Name daraufsteht: Er hat den „Kosmos“ nicht allein verfasst. Humboldt ist ein Sammler von Menschen und Kontakten. Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt heute sein Adressbuch. Darin hat er mehr oder weniger alphabetisch seine Kontakte notiert, mit Namen, Beruf, Haus- oder Hoteladressen und weiteren Informationen, 900 Namen und Anschriften insgesamt. Eng gekritzelt das Schriftbild, schwer leserlich, wie fast alle seine Handschriften. Ausgenutzt wird jeder Quadratzentimeter Papier. Querverbindungen, Kreisbewegungen: So kann man sich die Arbeit an den „Kosmos“-Bänden vorstellen. Humboldt verschickt Manuskripte an Freunde und Kollegen zur Begutachtung, er beteiligt Hunderte Wissenschaftler am Zusammentragen von Informationen aus den unterschiedlichsten Gebieten. Wikipedia im 19. Jahrhundert. Sein Netzwerk baut sich derart auf, dass viele junge Wissenschaftler, die ihm angehören, davon profitieren. Nicht nur Daten und Kommentare werden international in Zirkulation gebracht, sondern auch Hinweise auf Jobs und Posten. Häufig kommunizieren Humboldts Netzwerker untereinander, ohne Bezug zum „Kosmos“. Für jedes Hauptgebiet gibt es fachliche Berater. Humboldt und seine Kosmonauten wollen die neuesten Entwicklungen nicht verpassen. Es sammelt und aktualisiert und optimiert sich bei ihnen das Wissen der Zeit. Ein Unternehmen ohne Ende: Manches ist dann auch schon wieder veraltet oder überholt.

Viele Humboldts, viele Projektionsflächen

Alexander von Humboldt hat keine welterschütternde Theorie hinterlassen wie Charles Darwin, der ihn verehrte. Er offeriert vielmehr intellektuelle Werkzeuge, offene Denkformen, holistische Ansichtsweisen, die sich im Globalisierungsschub des frühen 21. Jahrhunderts als erstaunlich nützlich erweisen: Nennen wir es den Humboldt-Code. Zu seinem 250. Geburtstag im September 2019 kündigen sich große Feierlichkeiten an, er wird ringsum bemüht und gern von der Politik zitiert; der Ton wird insgesamt schon etwas heilig. Dabei gibt es nicht einen, sondern viele Humboldts, viele Projektionsflächen. Man sieht den deutschen Forscher und Denker, der im Dschungel spanischer Kolonien zu sich selbst findet, den in Berlin geborenen Autor, der viele seiner Bücher auf Französisch verfasst. Man verfolgt den Europäer, der ein Drittel seines Lebens in Paris verbringt und sich bis ins hohe Alter – nach eigenen Worten – als halber US-Amerikaner fühlt. Und manchmal schaut man verwundert auf den Mann, der so wenig von seinem Privatleben preisgibt und dessen Nachlass noch lange nicht ausgewertet ist. Da sind Entdeckungen zu erwarten, wenn nicht Überraschungen.


Rüdiger Schaper leitet das Kulturressort des Tagesspiegels in Berlin. Im Siedler Verlag ist von ihm 2018 die Biographie „Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten“ erschienen.

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