Forschungsreise

Mit Humboldt unterwegs

Von Spanien aus verlässt Alexander von Humboldt im Jahr 1799 erstmals Europa. Das große Ziel: Die Neue Welt. Einblicke in Humboldts große Amerika-Reise von 1799 bis 1804.

ETAPPE 1: AUFBRUCH NACH TENERIFFA

Großer Trieb zur Arbeit

»Der Augenblick, wo man zum ersten Mal von Europa scheidet, hat etwas Ergreifendes«, schreibt Alexander freudig erregt. Ob er seinen Bruder, seine Freunde jemals wiedersehen wird? Wer weiß es – und wen kümmert's im Moment: Die Korvette »Pizarro« nimmt Kurs auf die Kanarischen Inseln. Das ist nicht ungefährlich, denn England und Spanien befinden sich im Seekrieg, englische Schiffe könnten sie über- fallen. Deswegen dürfen sie in der Nacht kein Licht machen, eine Vorsicht, die ihnen »tödliche Langeweile« bringt. Denn Alexander will jederzeit messen, forschen, Wissen schaffen, er hat 50 hochmoderne Messinstrumente im Gepäck – mehr als je ein Forscher vor ihm: Sextanten, Quadranten, Teleskope, diverse Fernrohre, eine Längenuhr, Barometer, Thermometer und noch allerhand Geräte mit so klingenden Namen wie Inklinatorium, Deklinatorium, Cyanometer, Eudiometer, Aräometer oder Hyetometer. Welche Temperatur hat das Meerwasser, wo stehen die Sterne, wie verlaufen die Strömungen, wie wirkt Elektrizität auf Quallen und wie grün ist der Seetang in welcher Meerestiefe? Er fühlt sich abends in seinem Tätigkeitsdrang gehemmt. »Dies war für mich um so verdrießlicher, als ich vermöge meiner Konstitution nie seekrank wurde und, so oft ich an Bord eines Schiffes war, immer großen Trieb zur Arbeit fühlte.« Am liebsten arbeitet Alexander bis spät in die Nacht – Schlaf braucht er sein Leben lang nur wenig.

Mit der portugiesischen Korvette Pizarro segelte Humboldt über den Atlantik
Mit einem Sextanten kann der Winkel des höchsten Sonnenstandes abgelesen werden. Durch das Ergebnis kann man auf den Breitengrad schließen.
Mit der sehr genau gehenden Längenuhr führt man die Heimatzeit mit sich. Misst man nun, um wie viele Stunden abweichend von zuhause die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, kennt man auch den Längengrad.
Mit dem Quadranten kann die genaue Position der Gestirne am Himmel bestimmt werden. Diese Daten helfen, den eigenen Standort noch genauer zu bestimmen.
Humboldt hatte mehrere Fernrohre im Gepäck, je nach Aufgabe.

ETAPPE 2: ÜBER DEN ATLANTIK

Wütendes Gift

Die größte Herausforderung sind in der Tat die Moskitos, die sie unaufhörlich piesacken. Hände und Gesicht schwellen an, die Moskitostiche hindern Alexander beim Schreiben: »Man kann die Feder nicht ruhig halten, so wütend schmerzt das Gift dieser Insekten.« Wie soll man da messen und notieren! »Alle unsere Arbeit musste daher beim Feuer, in einer indianischen Hütte, vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt und in welche man auf dem Bauche kriechen muss. Hier aber erstickt man wieder vor Rauch, wenn man auch weniger unter den Moskitos leidet.« Die Indianer haben eigene Methoden entwickelt, um sich vor den Quälgeistern zu schützen: »In Maipures retteten wir uns mit den Indianern mitten in den Wasserfall, wo der Strom rasend tobt, aber der Schaum die Insekten vertreibt. In Higuerote gräbt man sich nachts in den Sand, so dass bloß der Kopf hervorragt und der ganze Leib mit drei bis vier Zoll Erde bedeckt bleibt. Man hält es für eine Fabel, wenn man es nicht sieht.« Da wünscht man sich diese Viecher doch mal weg aus der Natur. Aber Alexander bleibt überzeugt: »Alles ist Wechselwirkung. Nichts steht für sich allein, ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.« Sogar den Moskitos spricht er »trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur« zu.

ETAPPE 3: VON KUBA NACH PERU

Falsche Zeitungsnachricht

Nach ihrer ersten großen Expedition verbringen Alexander und Bonpland einige Zeit auf Kuba. Dabei liest Humboldt in einer Zeitung, dass der französische Kapitän und Forschungsreisende Nicolas Thomas Baudin auf seiner Weltreise in Peru Station machen und dann über den Pazifik Richtung Philippinen weiterfahren möchte. Eine Chance, die Welt zu umrunden, Asien zu erkunden, die Humboldt sich nicht entgehen lassen kann. Also macht er sich mit Bonpland Richtung Süden auf und will auf dem Weg die Anden erforschen. Später wird er sagen: »Infolge einer falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich über 800 Meilen in einem Lande zurückgelegt, das wir gar nicht hatten bereisen wollen.« Denn Baudin hat eine andere Route eingeschlagen, hält nicht in Lima und aus Humboldts Traum, Indien zu sehen, wird nie etwas werden.

ETAPPE 4: ÜBER DEN PAZIFIK NACH MEXIKO

Humboldtstrom

In Lima treffen sie auf Bewohner, die sich durch »einen regen Geist und freizügiges Denken« auszeichnen und durch merkwürdige Sitten: Die Damen dort »kauen eine fünf Zoll lange Wurzel, die aus ihrem Mund hängt. Es ist ein schrecklicher Anblick.« Mit dem Schiff fahren sie wieder gen Norden, Humboldt führt im Pazifischen Ozean wie üblich Temperaturmessungen durch und entdeckt eine Meeresströmung, die um sieben bis acht Grad kälter ist als das Wasser im freien Meer. Jahre später wird dieser Strom nach ihm benannt – Humboldtstrom. Er protestiert dagegen: »Die Strömung war schon vor mir allen Fischer-Jungen von Chili bis Payta bekannt!« Aber gemessen haben sie ihn halt nicht. Im Messen schlägt ihn keiner.

ETAPPE 5: IN DIE USA UND ZURÜCK NACH EUROPA

Humboldt im Kuriositätenkabinett

Charles Willson Peale, ein Porträt- und Landschaftsmaler, ist gerade dabei, das erste naturgeschichtliche Museum der Vereinigten Staaten einzurichten, und bittet Humboldt, ihn porträtieren zu dürfen. Peale hält fest, dass Humboldt »sehr gut Englisch mit deutschem Akzent« spricht und Englisch, Französisch und Spanisch in schnellem Fluss mischt. Alexanders Porträt gelangt in eine Art Kuriositätenkabinett, in dem auch der Zeigefinger eines Pistolenhelden zu sehen ist oder eine ausgestopfte fünfbeinige Kuh mit zwei Schwänzen, die ein zweiköpfiges Kalb säugt. Und als Kuriosität, als mit Spannung erwarteter Held, kehrt Humboldt nach Europa zurück.


Die Texte sind dem Buch „Alexander von Humboldt – Ein Lebensbild in Anekdoten“ mit freundlicher Genehmigung der Autorin Dorothee Nolte entnommen.

Erschienen im Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018