Interview

„Ein Star für alle“

Ob Entdecker, Romantiker, Atlantiker, Klimaprophet oder Held der Arbeiterklasse: Es gibt nicht einen Humboldt, sondern viele. Der Wissenschaftshistoriker Nicolaas A. Rupke hat erforscht, wie die unterschiedlichen Humboldtbilder zustande kommen.

Herr Rupke, bald 250 Jahre nach seiner Geburt ist Alexander von Humboldt wieder in aller Munde. Was macht ihn so populär?
Ich glaube, es liegt daran, dass er so gut als Projektionsfläche funktioniert. Wir versuchen in Humboldt zu sehen, wie wir selber gerne wären. Das Bild, das wir malen, reflektiert genauso viel von uns wie von ihm. Deshalb gibt es auch nicht nur einen, sondern viele Humboldts.

Welche wären das?
Das hängt davon ab, wo auf der Welt Sie fragen würden. In Deutschland, denke ich, waren und sind beispielsweise sein Hauptwerk „Kosmos“ und sein ganzheitlicher Blick auf die Welt wichtig. Die Briten sahen ihn eher als eine Art Empire Boy, der auszog, um Territorium für Deutschland abzustecken. Heute interessiert man sich in Großbritannien eher wegen seiner Verbindung zu Darwin für ihn. Aktuell streiten sich dort Wissenschaftshistoriker darüber, wie stark Humboldts Einfluss auf Darwin und seine Evolutionstheorie war.

Angeblich ist Darwin, als die beiden sich trafen, gar nicht zu Wort gekommen, weil Humboldt so viel redete…
Ach ja, es gibt viele solcher Anekdoten, die bestimmte Projektionen unterfüttern sollen. Dazu gehört beispielsweise die angebliche Freundschaft Humboldts und Goethes. Das ist eine nachträglich konstruierte Legende für die deutsche Tradition der Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Was Darwin angeht, glaube ich persönlich nicht, dass der Einfluss groß war. Ich denke, Darwin dürfte wie viele britische Denker damals nicht viel mit dem deutschen romantischen Ansatz Humboldts anzufangen gewusst haben.

„Beim Klimawandel schauen wir auf Humboldt als jemanden, der schon ganz zu Beginn auf der richtigen Seite stand.“

Wie hat sich Humboldts Bild in Deutschland mit der Zeit verändert?
Er selbst hat sich als Liberaler und Revolutionär gesehen. Er war gegen die Monarchie und die Kirche. Im Kaiserreich waren er und sein Bruder Wilhelm dann Symbole eines neuen Deutschlands der Kultur, anstelle eines Deutschlands des Krieges. Unter den Nazis gab es einen anderen Humboldt. Sie sahen in ihm ein Genie germanischen Blutes, das mit seinem Kosmos gut zum eigenen globalen Herrschaftsanspruch passte. Die Westdeutschen sagten dann nach dem Krieg: Aber nein, Humboldt war ein Atlantiker und Freund Amerikas! In Ostdeutschland dagegen wurde er wegen seines Engagements für die Bergleute als Sozialist reklamiert und als antiimperialistischer Befreier der Völker Lateinamerikas von kolonialer Unterdrückung.

Und als die Mauer fiel?
Als Deutschland wiedervereint wurde, gab man Humboldt wieder eine neue Identität. Ab jetzt war er der Netzwerker und Unterstützer aktueller Anliegen vom Umweltschutz bis zur Emanzipation der Homosexuellen. Heute ist Schwulsein in der westlichen Welt so weit akzeptiert, dass es keinen Bedarf an solchen historischen Vorbildern mehr gibt. Jetzt wird dort eher gesagt: War er schwul? Ach ja? So what.

Die Leser in Europa erfuhren aus der Zeitung von seinen Abenteuern in der Wildnis. Humboldt im Stile des Filmhelden und Archäologen Indiana Jones: „Er war immer populär, weil er so gut als Projektionsfläche funktioniert.“

Sie haben eine Metabiographie geschrieben und betrachten Humboldts Lebensgeschichte aus dem Blickwinkel vorheriger Biographien. Hierfür haben Sie viele Werke über Humboldt untersucht. Wie gelang es den Autoren, immer neue Humboldtbilder zu zeichnen?
Dafür gab es verschiedene Techniken. Nationalisten spielten oft die Rolle der Reisen Humboldts und des auf Französisch geschriebenen Teils seines Werkes herunter. Mancher ignorierte den französischen Humboldt sogar völlig. Auch Humboldts kurzer Abstecher nach Philadelphia und Washington vor seiner Rückkehr nach Europa blieb lange unbeachtet. Erst während der engen Nachkriegsbeziehungen Westdeutschlands zu den USA wurde dieser Teil seiner Reise hervorgehoben. Man pickte sich stets das jeweils Passende heraus.

In den Ländern Südamerikas, die er bereiste, ist Humboldt bleibend beliebt. Lebt hier das ostdeutsche Bild des Befreiers fort?
Es gibt dort meines Wissens heute durchaus kritische Stimmen, die das differenzierter sehen. Doch überwiegend ist er noch immer ein Teil der nationalen Geschichte und auch des Nationalstolzes. Er kam eben nicht als Eroberer oder Kolonialist, sondern als Forschungsreisender. Er reiste, um über die Einwohner und von ihnen zu lernen. Er wurde als Besucher erlebt, der ihre Natur und Kultur bewunderte, anstatt sie erobern zu wollen.

„In Ostdeutschland war er der Sozialist und ­antiimperialistische Befreier der Völker Lateinamerikas von kolonialer ­Unterdrückung.“

Heute gibt es das Bild Humboldts als Pionier einer international vernetzten und in übergreifenden Zusammenhängen denkenden Wissenschaft. Wir sehen in ihm nicht den preußischen Gelehrten, sondern einen modernen Wissenschaftler. Ist dieses Bild richtig?
Ich meine ja. Er lebte, reiste und korrespondierte nicht nur international, er dachte auch global. Das war eine seiner großen Leistungen als Wissenschaftler. Er suchte nach globalen Korrelationen für seine Beobachtungen, seien es die Temperatur, der Geomagnetismus oder andere Umweltparameter. Damit legte er den Grundstein für die modernen Klimawissenschaften. Heute ist er weltweit dafür angesehen, dass er früh auf die Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur hingewiesen hat. In unserer heutigen Diskussion um den Klimawandel schauen wir auf Humboldt als jemanden, der schon ganz zu Beginn auf der richtigen Seite stand.

Zum Schluss: Welches ist Ihr persönliches Bild von Humboldt?
Als Humboldt-Metabiograph habe ich natürlich eine vielseitig zusammengesetzte Vorstellung von ihm. Ich glaube allerdings, dass er zu Recht wegen seines ganzheitlichen Ansatzes und seiner Beobachtungen der Umwelt und des Klimas verehrt wird. Zu meinem Bild gehört aber auch ganz unbedingt Humboldt als Förderer junger Talente. Auch an diesem Humboldt können wir uns ein Beispiel nehmen.


Professor Dr. Nicolaas A. Rupke ist Johnson Professor of History an der Washington and Lee University, Lexington, USA. Zurzeit forscht der Wissen­schafts­historiker und Humboldt-Experte („Alexander von Humboldt: A Meta­biography“) über die nicht-Darwin’sche Tradition in der Evolutionsbiologie. Als Humboldt-Forschungsstipendiat war er in den 1980er Jahren an der Universität Tübingen. Rupke ist Mitglied der Leo­poldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

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