Interview

Humboldt jenseits des Bekannten entdecken

Oliver Lubrich hat „Sämtliche Schriften“ des Alexander von Humboldt als Sammlung herausgebracht. Im Gespräch verrät der Literaturwissenschaftler, welche neuen Erkenntnisse die Welt daraus gewinnen kann.

Herr Professor Lubrich, in Ihrer Doktorarbeit haben Sie Alexander von Humboldt mit dem „Dracula“-Schöpfer Bram Stoker und dem streitbaren „Stahlgewitter“-Autor Ernst Jünger verlinkt. Wo sind die Gemeinsamkeiten?
In allen drei Fällen geht es um die Frage, wie wir vollkommen fremd erscheinende Kulturen wahrnehmen. Ernst Jünger beschreibt den Krieg als eine gewalttätige Art der Expedition und eine extreme Form der Ethnografie, Stokers „Dracula“ beginnt als Bericht einer Reise von London nach Transsylvanien. Bei Humboldt geht es darum, wie man als Europäer um 1800 indigene, kolonisierte Völker in Übersee durch teilnehmende Beobachtung verstehen kann.

Gab es so etwas wie eine Initialzündung für Ihre nunmehr Jahrzehnte währende Beschäftigung mit Humboldt?
Auf Reisen durch Südamerika bin ich als Student in den 90er Jahren in den venezolanischen Anden auf ein Denkmal gestoßen: „Humboldt und Bolívar“. Erinnerungspolitisch geht es kaum größer: der Befreier und sein Ideengeber. Zu Hause in Berlin habe ich dann in Buchläden nach Humboldts Werken gesucht. Aber es gab nur ganz wenige Titel, eine vollständige Ausgabe seines Reiseberichts gibt es bis heute nicht. Das kann man sich angesichts des gegenwärtigen Hype um Humboldt kaum vorstellen. Mein Interesse begann mit der Frage: Wie kommt es, dass das Werk eines international derart prominenten Autors noch weitgehend unerschlossen ist?

„Nicht jeden Strich auf einem Zettel zum Kunstwerk erklären“

Eines Ihrer bis dato größten Projekte war 2014 die Edition seines „Graphischen Gesamtwerks“ mit über 1500 Abbildungen, in diesem Jahr haben Sie Humboldts Zeichnungen herausgegeben. Was waren die Herausforderungen dabei?

Bei den gedruckten Graphiken kam es darauf an, sämtliche Bücher, aber auch die Aufsätze und Artikel von Humboldt überhaupt erst zu sammeln und dann durchzusehen, um möglichst Vollständigkeit zu erzielen. Für die Edition der Zeichnungen galt es, den Nachlass zu durchsuchen. Eine gewisse Falle bestand dabei darin, nicht jede Kritzelei, jeden Strich auf einem Zettel zum Kunstwerk zu erklären und zu genialisieren.

Nun haben Sie Humboldts „Sämtliche Schriften“ herausgebracht – eine Sammlung von allem, was er nicht in Buchform veröffentlicht hat, insgesamt mehr als 3600 Artikel, Aufsätze oder Essays. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Zunächst haben wir naheliegenderweise geschaut, welche Informationen bereits existierende Bibliografien enthalten. Es gab zum Beispiel eine fortlaufende Erfassung auch der unselbständigen Schriften an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Aber das, was wir jetzt zusammengetragen haben, ist ungefähr das Fünffache. Wie also war das nicht erschlossene Material aufzuspüren? Zunächst ganz einfach, aber sehr aufwendig, indem wir historische Zeitschriften flächendeckend durchsuchten. Ergänzend haben wir digital in Humboldts bekannten Texten geprüft, wo er sich in Selbstzitationen auf eigene Arbeiten bezieht. Darüber hinaus haben wir die rund 70 Brief-Editionen gesichtet, und wir haben Datenbanken durchforstet. So konnten wir letztlich viel mehr zusammentragen, als wir selbst anfangs vermutet hätten.

„Grundlinien seiner intellektuellen Persönlichkeit“

Der erste Artikel datiert vom 5. Januar 1789, Humboldt schrieb über einen giftigen Baum an den Herausgeber der Gazette littéraire de Berlin. Was ließ ihn zur Feder greifen?
Humboldt schreibt diesen ersten Text mit 19 Jahren in Berlin, auf Französisch, zudem anonym: „Von einem jungen Edelmann dieser Stadt“. Man erkennt aber bereits gewisse Grundlinien seiner intellektuellen Persönlichkeit: vor allem den wissenschaftlichen Aufklärer. Es gab damals Mythen um einen Giftbaum in Ostindien, dem heutigen Indonesien, der angeblich Vögel, die ihn überflogen, tot zu Boden stürzen ließ. Humboldt versucht nun, anhand der verfügbaren Zeugnisse diese Legenden zu überprüfen. Er gewinnt einem Thema der Naturforschung eine politische Bedeutung ab.

Wie genau?
Er beschreibt, wie die Indigenen das Gift gegen die Holländer einsetzten. Denn der Baum ist tatsächlich giftig, nur eben nicht weiträumig ausdünstend. Humboldt schildert so einen antikolonialen Widerstand. Und er übt Kritik an der Kirche, die versuchte, die Indigenen durch Legenden unmündig zu halten. Dazu bezieht er sich – noch vor der Französischen Revolution – auf Voltaire: „Die Priester ändern sich auch unter dem Äquator nicht“.

Wo lernt man Seiten Humboldts kennen, die nicht etwa schon aus dem „Kosmos“ bekannt sind?
Vor allem entdecken wir ihn neu und anders als Schriftsteller. Humboldt galt bislang als Autor ausufernder Großprojekte: „Kosmos“ – die ganze Welt in einem Buch. Ein Reisebericht über Amerika in drei Bänden – der mittendrin abbricht. Anhand seiner kleineren Schriften, die lange Zeit unterhalb des Radars blieben, erkennen wir ihn nun als überaus formenreichen, filigranen Autor ganz unterschiedlicher Genres, der über ein sehr breites Repertoire verfügt. Als großer Kommunikator wandte sich Humboldt sehr medienbewusst an verschiedene Zielgruppen, jeweils mit einem anderen Stil.

„In seinen frühen Jahren arbeitet er durchaus fachspezifisch“

Welche Entwicklung zeigen die Texte?
Über sieben Jahrzehnte können wir chronologisch beobachten, wie sich sein Denken und seine Publizistik verändern. In den ersten zehn Jahren veröffentlicht Humboldt vor allem fachwissenschaftliche Beiträge. Es gibt ja dieses Klischee, Humboldt sei „der letzte Universalgelehrte“. Aber gerade in seinen frühen Jahren arbeitet er durchaus fachspezifisch, er veröffentlicht in Zeitschriften für Bergbau oder Botanik. Mit der Amerikareise geht er dann dazu über, immer mehr unterschiedliche Wissensformen neu zusammenzuführen, um die Natur der Tropen und die Kulturen der „Neuen Welt“ in ihrer Komplexität erfassen zu können.

Im letzten Text vom März 1859 ruft ein schon betagter Humboldt „um Hülfe“, er möchte von Anfragen verschont bleiben. Was verrät das über den Zustand des Verfassers?
Dieser herrlich skurrile Text gibt uns einen Eindruck davon, was für einen sarkastischen, für mein Empfinden sehr Berlinerischen Humor Humboldt hatte. Allein die Idee, einen „Hilferuf“ in die Zeitung zu setzen und zu erklären, er komme nicht mehr mit, er bekäme zu viel Post! Auch als Stilist tritt Humboldt hier noch einmal hervor, denn der Text des fast 90-Jährigen besteht nur aus zwei Sätzen: einem sehr langen und einem sehr kurzen. Als wolle er in seinem letzten Artikel die Epochen, zwischen denen er geschrieben hat, noch einmal zusammenführen: barocke Opulenz und wissenschaftliche Lakonie. Darüber hinaus können wir nachvollziehen, welche Verbreitung Humboldts Hilferuf erfahren hat – mit 130 Nachdrucken innerhalb weniger Tage. Wenn sogar am Mississippi zu lesen war, dass Humboldt seine Zuschriften nicht mehr bewältigen konnte, dokumentiert dies sehr eindrücklich seine internationale Prominenz.

Bleiben nun keinerlei Lücken mehr in der Veröffentlichungsgeschichte?
Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass noch weitere Texte gefunden werden. Es handelt sich hier um die erste Zusammenstellung dieser Werkgruppe, mit 20 Mal mehr Schriften, als seit Humboldts Tod jemals nachgedruckt worden waren. Aber dass in den nächsten Jahren noch ein Text in Peru gefunden wird oder eine Veröffentlichung auf Arabisch oder auch ein Beitrag in einer deutschsprachigen Zeitung – das ist sehr gut möglich und sogar wahrscheinlich. Auch Humboldts Briefe sind längst noch nicht vollständig ediert.


Oliver Lubrich ist Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern. Er ist Herausgeber mehrerer Werke Alexander von Humboldts, zuletzt: „Das graphische Gesamt­werk“ (2014, 2015, 2017). Er ist Projektleiter der Berner Ausgabe von Humboldts „Sämtlichen Schriften“.

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